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Der Philosoph in der Mikrowelle

erschienen am 23.04.2014 in Esslinger Zeitung
von Petra Bail

Stuttgart – Zwei Menschen, eine Küche und die üblichen Geräte: Toaster, Kaffeemaschine, Mikrowelle, Waschmaschine, Radio. Ein bedrückend-isolierter Mikrokosmos, in dem eigentlich nichts passiert; aber irgendwo – man fühlt es – lauert etwas. Der Mann hört den Anrufbeantworter ab. Keine Nachrichten. Sie wässert die Kräuter. Da tut sich auch nichts. Das Spruchband über der Bühne teilt mit: „Nur noch ein Gott kann uns retten.“ Mit diesem Satz antwortete der Philosoph Martin Heidegger vor fast 50 Jahren in einem berühmten „Spiegel“-Interviews auf die Frage, wie mit den Herausforderungen einer technisierten Welt umzugehen sei.

Warten auf Rettung oder Untergang

Bisher kam keine Rettung. Alle warten immer noch. Auf die Rettung? Auf den Untergang? Die kritische Auseinandersetzung Heideggers mit der Technik als Phänomen dieser Welt und der kritische 80er-Jahre-Kultfilm „Koyaanisqatsi“ von Godfrey Reggio sind Basis dieser aufwendigen Stückentwicklung der freien Stuttgarter Gruppe O-Team gemeinsam mit der Stuttgarter Figurenspielerin Antje Töpfer. Ganz im sinnigen Heidegger-Ton trägt das Projekt den Namen „Lichtung“. Der Untertitel lautet provozierend „Geräuschtheater von und mit Martin Heidegger“. Die Uraufführung fand jetzt in der Regie von Samuel Hof am Stuttgarter Fitz statt.

Kennen sollte man als Zuschauer zwar nicht Heideggers Gesamtwerk, aber zumindest den Film, denn die beiden Darsteller Antje Töpfer und Folkert Dücker spielen „Koyaanisqatsi“ in der Wohnküche mit Duschgelegenheit (Ausstattung: Nina Malotta) nach. Auf lineare Handlungen und Sprache wird in dem Kino-Opus verzichtet. Die ästhetischen Reihungen bizarr-schöner Aufnahmen werden ausschließlich durch minimalistische Kompositionen von Philip Glass begleitet. Analog dazu wird auch in dem Bühnenstück erst gegen Ende gesprochen, wenn die Darsteller die technikphilosophischen Texte Heideggers zitieren, der aktuell durch die Veröffentlichung der ersten seiner „Schwarzen Hefte“ aus der Zeit des Nationalsozialismus wieder heftig umstritten ist. Finden sich doch in diesen Denktagebüchern auch offenkundig antisemitische Eintragungen des Philosophen, der zeitweilig Parteigänger der Nazis, gleichwohl aber einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts war.

In „Lichtung“ spielt die Verstrickung Heideggers in die Barbarei allerdings keine Rolle, es geht vielmehr um eine Art szenische Reaktion auf seine philosophisch-kulturkritischen Denk-Vorstöße – ausgehend vom Warten auf den rettenden Gott.

Nun ist der Mensch erfinderisch, und so vertreiben sich die beiden Bühnenmenschen das Warten, indem sie Geräuschcollagen kreieren und zwar mit Hilfe eines Synthesizers. Diese Maschine zur Erzeugung oder Veränderung von Klängen steht im Mittelpunkt der akustischen Reise zum Weltuntergang. Auch optisch. Lampen und Kontrollfunktionen leuchten unheildrohend im elektronischen Steuerungssystem auf der Bühne. Durch die Mikrofone und Sensoren des Synthesizers bekommen Schubladen plötzlich einen merkwürdigen Hall. Kaffeebohnen werden geräuschvoll gemahlen. Mit einem metallischen Klick wird die brutzelnde Kaffeemaschine in Gang gesetzt. Selbst das Einschenken in eine Tasse klingt rauschhaft.

Immer wieder richtet sich der bange Blick der beiden Schauspieler durch die heruntergelassenen Jalousien nach draußen ins Helle: „Da ist nichts“ – außer einem kratzenden, rhythmischen Geräusch. „Kein Anlass zur Furcht, eher zum Staunen“, liest man auf dem Spruchband. Staunen lassen einen die 90 Minuten unweigerlich, so soghaft und fesselnd ist das irritierende Bild- und Tonkonglomerat.

Wuchtige Klangkombinationen entstehen, schwellen an – und in der Mikrowelle wird das Konterfei Heideggers wie eine Geistererscheinung sichtbar. So bekommt der Untertitel „mit Martin Heidegger“ seinen ironischen Sinn. Das Projektions- und Klang-Tempo nimmt zu, Videobilder von Sanddünen und Pflanzen tanzen – entsprechend der dramatischen Entwicklung des „Koyaanisqatsi“-Films – als konkrete Muster im Stakkato-Rhy thmus der Musikkreationen, die melodisch und dann wieder bedrohlich atonal vom Synthesizer kommen.

Es brennt, dampft, schmort

In Strecken erinnert die Musik an Technoklänge, dazu gibt es wild zuckende Lichtarrangements, es brennt und dampft und schmort. Alle Sinne werden beansprucht. Es stinkt zum Himmel. Das ganze Küchensystem scheint zusammenzubrechen, Kabel und Drähte sind herausgerissen, es gellt ohrenbetäubender Lärm: Apocalypse now. Dicker Qualm dringt durch alle Ritzen und vernebelt den Raum. Es sieht nicht gut aus für die Menschlein in ihrer Technik-Küche. Plötzlich herrscht Stille. Nur ein leises Surren ist zu hören. Das Fax spuckt Blätter mit Heidegger-Texten aus. Darin geht es um Fortschritt, Leistungssteigerung, Wohlstandsziele und den Menschen als Schrittmacher der Verwüstung, wie Antje Töpfer und Folkert Dücker hören lassen. Ja, wüst sieht es jetzt aus auf der Fitz-Bühne. Doch die Botschaft von der in bedrohliche Schieflage geratenen technisierten Welt ist nicht nur angekommen, sondern vor allem kreativ verpackt.