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Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer

Fidena: Die lnszenierung des Figurentheaters "Wilde & Vogel" greift die Sprunghaftigkeit der Baudelaireschen Prosagedichte auf. Kinder sprechen die Passagen ein.
erschienen am 18.09.2007 in Westdeutsche Allgemeine Zeitung, WAZ
von Werner Streletz

Der Spieler wird von Puppen, von Masken bedrängt, wird von langen knochigen Armen umschlungen wie von Nachtgestalten. Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. Dieser viel zitierte Satz von Goya scheint Wirklichkeit zu werden. Nur bildet hier nicht die beängstigende Kunst des großen Spaniers die Grundlage, sondern es sind die Großstadtimpressionen des französischen Dichters Charles Baudelaire.

Die Fidena wich diesmal den düsteren Bildern konsequent nicht aus. Was mit dem Totentanz aus Tübingen begann, setzte sich in der Inszenierung „Spleen“ des Figurentheaters „Wilde und Vogel“ fort. Eine weiße Fläche von der Größe eines französischen Betts, dahinter stehen elektrisch verstärkte Gitarren auf Ständern: Michael Vogel ist der Mann, der mit den Puppen kämpft, Charlotte Wilde, unterlegt die Assoziationen zu Baudelaires Spätwerk „Der Spleen von Paris“ mit raffiniert gehäuften und dann wieder kunstvoll einfachen Melodiepartikeln, die das Spiel nicht illustrieren, sondern eigenständiger Bestandteil der bedrückenden Inszenierung sind.

Im „Spleen“ hat Baudelaire die Form des von ihm entworfenen Prosagedichts erprobt. Ihm war klar geworden, dass die pulsierende Welt der Moderne zumal in der Seine­Metropole, nicht mehr mit klassischen Reimpaaren und harmonischer Metrik zu fassen ist, wie es ihm in den skandalträchtigen „Blumen des Bösen“ noch gelungen war.

Die Inszenierung in der Zeche Eins greift die Sprunghaftigkeit, die Zufälligkeit der flüchtig hingeworfenen Skizzen der Prosagedichte auf; die einzelnen Bilder vereint nur ein Unterton des Geheimnisses, des Bedrohlich-Alptraumhaften, der auch nicht nachlässt, wenn mit einer kleinen, eigentlich niedlichen Froschgestalt scheinbare Skurillität die berschaubare Bühne durchstakst.

Michael Vogel ist mit dem ganzen Körper ins Spiel miteinbezogen: Er durchbricht seine streckenweise hektische und verkrampft-zitternde Choreographie durch Alltagsgesten, um die halluzinierende Atmosphäre des Geschehens – das keine durchgehende Geschichte kennt – aufzulockern und als Bühnenhandlung kenntlich zu machen.

Nachsatz: Für Kenner des frühen Elvis war es ein besonderer Genuss, zum Schluss dessen Uralt-Song „Don’t“ nicht betont spleenig, sondern in einer berührend leisen, eigenwilligen Anverwandlung zu hören.