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Der Untergang des Hauses Odin als wilde Revue

Susanne Olbrich und Stephanie Rinke mischen im Fitz mit ihrem Figurentheaterstück die nordischen Göttersagen auf
erschienen am 31.12.2005 in Stuttgarter Zeitung
von Rolf Spinnler

„m Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ – so beginnt die Schöpfungsgeschichte der Bibel im 1. Buch Mose. Aber war das wirklich der Anfang, oder gab es noch ein Davor, eine Zeit vor der Zeit, in der noch keine Götter existierten? Anders als die monotheistische Religion beantworten die Schöpfungsmythen vieler Völker diese Frage mit einem entschiedenen Ja und lassen die Welt aus einem Kampf der Urelemente entspringen. Die Version der isländischen Edda, in der die Götter- und Heldensagen der alten Germanen gesammelt wurden, lautet so: Im Anfang waren Eis und Feuer, dazwischen tat sich ein tiefer Schlund auf, in dem Kälte und Hitze miteinander kämpften, bis aus ihrem Streit der Urriese Ymir geboren wurde…

Nicht in der alles umfassenden Eins, sondern in der Zwei, in der Polarität antagonistischer Kräfte also, liegt in den altnordischen Mythen der Ursprung aller Dinge beschlossen. Deshalb ist es nur konsequent, dass zwei Puppenspielerinnen die Bühne des Fitz betreten, um dort hundert Minuten lang die Geschichte vom Aufstieg, Streit und Untergang der Riesen und Götter, Trolle und Zwerge zu erzählen. Susanne Olbrich von der Berliner Theater-Fusion und Stephanie Rinke vom Figurentheater Paradox in Stuttgart haben ihr gemeinsames Projekt nach dem Oberhaupt des nordischen Götterclans benannt: „Odin“. Die weiteren auftretenden Figuren, denen die beiden Spielerinnen ihre Hände und Stimmen leihen, sind Odins Gattin Fricka und seine Söhne Thor, Hödur und Baldur, der weise Mime und der listige Loki, die Hexe Gulveig und die Weltesche Yggdrasil (Bühne und Puppen: Marita Bachmaier und Christian Werdin).

Viele dieser Figuren aus der altgermanischen Mythologie sind uns, wenn auch manchmal unter anderen Namen, aus Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ vertraut. Wotan heißt dort der Göttervater, der sich und seine Sippe gegen das feindliche Pack der Riesen und Zwerge verteidigt und doch dem drohenden Untergang, der Ragnarök, der Götterdämmerung, nicht entgehen kann. Auch Tolkiens „Herr der Ringe“ hat sich großzügig aus dem Motiv- und Figurenschatz der nordischen Mythen bedient.

Aber vergessen Sie Wagner, vergessen Sie Tolkien! So wie Susanne Olbrich und Stephanie Rinke, effektvoll unterstützt vom Ge¬räuschspezialisten Max Bauer, die Geschichte vom Untergang des Hauses Odin erzählen, gleicht sie eher einem Comicstrip als einer Göttersaga und verhält sich zum wagnerschen Musikdrama wie das Satyrspiel zur Tragödie (Regie: Markus Joss, Musik: Tobias Dutschke). Thor mit seinem Hammer ist ein tumber Schlägertyp wie aus einem Actionfilm, Baldur entpuppt sich als verwöhntes Muttersöhnchen, die Götter lassen beim Ratschlagen einen Joint in ihrer Runde kreisen oder prosten sich mit der Bierflasche zu.

Olbrich und Rinke als blond bezopfte Walküren werfen die gefallenen Helden wie Abfall in einen Eimer und entsorgen sie dann in Walhall. Auch an Anspielungen auf die deutsche Geschichte und deutsche (Un-)Sitten und Gebräuche fehlt es nicht.

Am Ende hilft Odin alles nichts: Die Nornen weissagen ihm, das Schicksal seiner Sippe sei besiegelt. Sein Intimfreund Loki läuft zu den feindlichen Riesen über, und das Trio infernale, bestehend aus dem Wolf, der Schlange und der Todesgöttin Hei, rückt immer näher an den Götterwohnsitz Asgard heran. Wenn am Schluss die Bühne blutrot aufleuchtet und das Feuer des Anfangs wiederkehrt, das den Gott und seine Sippe überdauert, dann beschließt dieser magische Augenblick einen Abend, an dem sich Scherz, Satire und tiefere Bedeutung auf gelungene Weise miteinander verbunden haben.