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Dialog mit dem verdoppelten Ich

erschienen am 27.05.2003 in Stuttgarter Nachrichten
von ang

Als weiß gekleideter Kahlkopf tritt Iris Meinhardt auf die Bühne des Fits, wo sie jetzt mit ihrem Stück „Etwas vom Nichts“ die Stuttgarter Tage des Jungen Figuren theaters eröffnete. Die Figur, mit der die Ab solventin der hiesigen Hochschule für dar stellende Künste spielt, ist sie selbst: Ihre Hände manövrieren den eigenen Körper durch den Raum und drapieren ihn über pro thesenhafte Gestelle, die wie Fitness- oder Foltergeräte im Halbdunkel verteilt stehen.

So beginnt die Suche nach Identität mit ei ner Erforschung der Physis, aber schon bald wird tiefer geschürft. Der weiß gewandete Körper bildet die Projektionsfläche für Bil der von anderen, zunächst künstlichen Kör pern und Gesichtern (Kamera: Michael Krauss). Schließlich legen sich das eigene Gesicht, die eigene Hand und der eigene Kör per als bewegte Bilder auf die Spielerin, die mit ihrem derart verdoppelten Ich in einen kuriosen Dialog tritt. Zwischen den überei nander geschichteten Bildebenen sind. Iden tität oder Realität kaum noch greifbar. Wer zieht sich da gerade aus: die Spielerin oder ihr Trugbild?

Oder das eine mit Hilfe der an deren? „Sicherlich bin ich ich, aber so ganz so sicher bin ich mir da nicht!“ klagt die Dar stellerin augenzwinkernd, und auch ihrem Publikum bereitet die ganze Verwirrung of fensichtlich mehr Vergnügen als Schmerz.

Mit clever eingesetzter Musik und sugges tiven Textfragmenten operieren Iris Mein hardt und ihr Regisseur Joachim Fleischer tief im Unterbewusstsein des Betrachters. „Etwas vom Nichts“ behandelt die themati schen Schwergewichte Identität und Wahr nehmung erstaunlich unterhaltsam. Dies ge lingt nicht zuletzt dank der darstellerischen Präzision, mit der Iris Meinhardt Bewe gung, Text, Musik, Material und bewegtes Bild zu einer stringenten Bühnen-Show ver eint. Ein starker Auftakt für das Festival im Fits, das noch bis zum Sonntag dauert.