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Die Achse des Bösen

Uraufführung im Fitz: "Die Besessenen"
erschienen am 25.09.2004 in Stuttgarter Nachrichten
von Horst Lohr

Die Tür öffnet sich. Aus dem strömenden Regen hastet ein Mann herein, eine Schreibmaschine in den Händen. In seinem Schlepptau drei wild blickende Gestalten im schrill bunten Outfit, mit Rettungsring und Tennisschläger bewaffnet. Gleich wird am Bühnenhorizont das Schiff auslaufen, das die vier nach Argentinien bringen wird. Und wir Zuschauer begleiten sie auf ihrer Reise in die Emigration, den polnischen Schriftsteller Witold Gombrowicz und die Protagonisten seines Schauerromans „Die Besessenen“. Ein Vergnügen ist die von Ulrike-Kirsten Hanne inszenierte Koproduktion zwischen dem Figurentheater Paradox, dem Fitz und der Werkstattbühne Stuttgart. Zu verdanken ist dies vor allem Ulrike Kley, Jürgen Larys, Stephanie Rinke und Uwe-Peter Spinner. Mit ihrem Spiel zaubern sie die schrägen Figuren des Romans herbei, die in einem geheimnisumwitterten Schloss ihr undurchsichtiges Spiel treiben. In der Enge von Hühnerkäfigen und Schrankkoffern (Bühne: Christian Vittinghoff) reisen sie mit ihrem Schöpfer nach Übersee. Menschen, die hinter dem Drahtverhau ihrer Obsessionen zu marionettenhaft fremdartigen Wesen mutieren. Wie die junge Frau, die einen Tennislehrer gnadenlos mit ihrer Liebe verfolgt. Gespiegelt werden sie von Puppen, in Latex geronnenen menschlichen Zerrbildern. Besonders gut getroffen ist die Tante der Liebestrunkenen, eine pausbäckigdümmliche Kupplerin mit Riesentitten. Oder der feiste Erbschleicher im Trachtenlook beim komischen Tafeln mit einem glubschäugigen Wahrsager. Faszinierend, welch herrlich ironische Bilder die Inszenierung für die Geschichte um einen Mord im Schloss findet, durch das „die Achse des Bösen“ verläuft. Und wie Marionetten und Puppen mit den Spielern zur untrennbaren Einheit verschmelzen. Als scharf gezeichnete Platzhalter von Habgier, Hemmungslosigkeit und Herrschsucht. Und mitten unter ihnen Autor Gombrowicz, der hilflos zusehen muss, wie er zum Spielball seiner Figuren wird, die, infiziert von einer „krankhaften Energie“, ihm den Fortgang seines Romans diktieren.