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Die ganze Welt schläft

Theater II Im Fitz ist ' Faza REM Phase' zu sehen, ein fulminantes Stück zum Thema Traum.
erschienen am 27.10.2014 in Stuttgarter Zeitung
von Cord Beintmann

Auf ein Wimmelbild schaut man im Stuttgarter Zentrum für Figurentheater. Sechs Schauspieler stehen an Tischlein und Stellagen und beschäftigen sich mit kleinen Apparaturen und allen möglichen Gegenständen, etwa einer Kartoffel, in der ein Löffel steckt. Die eine, Dagmara Sowa, erzählt von einer mechanischen Traummaschine, andere erzählen von ihren Träumen.

Die eine träumt von einem riesigen Hasenbein, der andere von Hitler auf einem Fahrrad. Und so wird das Publikum ganz sanft in die bizarre Welt des Traumes hineingezogen. Mit dem Traum ist natürlich auch die Nacht ein Thema der Produktion ‚ Faza REM Phase‘, und die Zuschauer erleben in einundeinviertel Stunden eine schön-schaurige Nacht, die mit vielen Seltsamkeiten gefüllt ist.

‚ Faza REM Phase‘ ist eine Koproduktion des Figurentheaters Wilde & Vogel mit der Grupa Coincidentia aus dem polnischen Bialystok (Regie und Ausstattung: Michael Vogel).

Es spielen polnische und deutsche Akteure, drei Frauen und drei Männer, und die Musik, von Charlotte Wilde live dargeboten, intoniert das nächtliche Geschehen brillant, zuweilen mit einer aufwühlenden Kakophonie aus Geräuschen. Zu hören sind zart ziehende, unheimliche Töne ebenso wie hart metallische Klänge. Die ganze Absurdität des Traumes, die ja nicht Theater, sondern blanke Realität für uns alle ist, wird auf der Bühne vorgeführt.

Amüsant ist die Szene mit Stefan Wenzel als Sandmann, der den Menschen geradezu gewalttätig Sand in die Augen streut. In sich zusammensinkend oder auf dem Boden zuckend mimen die Darsteller schöne wie böse Träume.

Zwischendurch singen die Spieler anrührend deutsche Lieder, etwa die wunderbaren Verse Paul Gerhardts, die davon sprechen, dass die ‚ganze Welt schläft‘. Den Schlaf aber erlebt der Mensch ganz allein, und dabei ist er bisweilen Schrecklichem ausgeliefert.

Auf der Bühne liegt eine Art Korb, und allmählich ziehen die Spieler aus ihm mit Schnüren ein ekliges Fabelwesen aus gelblichen Hautfetzen, das sich wie ein Nachtmahr auf Dagmara Sowa niederlässt. Wie die Bewegungen des Gruseltiers handwerklich ausgeführt werden, ist absolut beeindruckend. Zu sehen ist eine theatralische Form, die mit ganz kraftvollen Bildern arbeitet. Der Zuschauer wird zugleich betört und erschreckt.

All das ist eine Collage. Es wird auch gesprochen, zum Beispiel Wissenschaftliches zitiert. Natürlich spielt der Titel der Produktion, ‚ Faza REM Phase‘, auf die Phase des REM-Schlafs an. Doch in dieser Produktion kommt es darauf an, was man sieht und hört.

Es gelingt eine berückende Verschmelzung von somnambulen Bewegungen der Darsteller, Musik und dem Zauber von Materialien. Pawel Chomczyk zerknüllt Papier, und er macht das ganz wunderbar. ‚ Faza REM Phase‘ zeigt Figuren- und Materialtheater auf ganz hohem Niveau.