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Die Katze wohnt im Mietzhaus

Von der pensionierten Kuh, die Schwanensee tanzt, bis zum illustrierten Klavierkonzert: morgen geht im Fitz das internationale Festival für Figurentheater zu Ende.
erschienen am 15.02.2014 in Stuttgarter Zeitung
von Adrienne Braun

Er hat es mit allem probiert, was die Medizin zu bieten hat – mit Homöopathie und Hypnose, mit Hydrotherapie und Elektroschocks. Nichts hilft. Etwas stimmt nicht mit dem Kopf von Maurice Ravel. Depression, Aphasie und vorzeitig ergraute Haare diagnostizieren die Ärzte. ‚Lass mich einweisen‘, fleht Maurice Ravel seinen Bruder an, nachdem er einer Frau einen Stein ins Gesicht geworfen hat, ganz ohne Grund.

Bis heute ist ungeklärt, ob Maurice Ravel an Demenz litt oder einen Gehirntumor hatte. Die Ärzte sägten ihm den Schädel auf – und Ravel überlebte die Operation nicht. Im Jungen Ensemble Stuttgart hat der ‚bedeutendste Komponist Frankreichs‘ sein trauriges Ende noch einmal durchlebt. Bei dem internationalen Figurentheaterfestival ‚ Imaginale‘ war das Puppentheater Halle zu Gast mit ‚Konzert für eine taube Seele‘ – und man konnte sich schon verwundert die Augen reiben: Die Ravel-Puppe, die sich hier immer wieder verzweifelt an den wirren Kopf griff, sah verblüffend lebensecht aus.

Bis Sonntag läuft unterm Tagblattturm noch das Festival mit Gästen aus ganz Europa, mit verschiedensten Formaten und Spieltechniken. Die einen animieren und illuminieren Gegenstände, die anderen spielen mit Marionetten. Die Puppenspieler aus Halle haben sich schwarze Strümpfe über die Köpfe gezogen und tragen Handschuhe, um die hyperrealistischen Puppen zu bewegen. In teurem Zwirn marschiert der kleine Ravel über die Bühne. Der Komponist war ein modischer, auch etwas eitler Geselle – und trug vermutlich wie sein Alter Ego auf der Bühne sicher auch Morgenmantel und Seidenschal.

In ‚Konzert für eine taube Seele‘ werden Szenen aus Ravels Leben herausgepickt: seine Tournee in Amerika, ein Interview, ein belangloses Geplänkel mit einer Verehrerin. So hat das Stück keine durchgängige Handlung, vielmehr wollen die Szenen seine inneren Zustände und die Zeit sichtbar machen. ‚Ich war elf bei der Weltausstellung‘, sagt Ravel zum Bruder, ‚weißt du noch, der Eiffelturm?‘

So imposant die Puppen auch sind, diese Form des Figurentheaters beschränkt sich darauf, menschliche Bewegungen nachzuahmen. Das ist mitunter ermüdend – wenn die Puppe minutenlang auf dem Klavier zu spielen vorgibt. Bestechend ist dagegen die Pianistin Ragna Schirmer, die live Ravel spielt, während hinter einer Glasscheibe visionäre Szenen aufblitzen und der Komponist mit einer schwarzgesichtigen Figur ringt, vermutlich seinem Dämon.

Ravel stirbt am Ende, während es für vier andere ältere Herrschaften erst richtig losgeht: Kuh, Wolf, Katze und Vogel. Nein, es sind nicht die Bremer, sondern ‚Die Berliner Stadtmusikanten‘, die das Berliner Theater Zitadelle nach Stuttgart gebracht haben. Vier Tierpuppen, die eigentlich wenig Bewegungsmöglichkeiten haben, aber in diesen Szenen aus dem Altersheim rühren und amüsieren. Regina und Daniel Wagner spielen zugleich die Pfleger des Heims, welche die Senioren um ihr Hab und Gut und letztlich auch um ihre Ehre bringen, sie wie Kinder ins Bett scheuchen, gängeln und triezen, bis die Senioren genug haben. Wie in dem Märchen der Gebrüder Grimm machen sie sich auf den Weg. Die Kuh will auf den Ku’damm, der Wolf nach Reinickendorf, und die Katze sorgt mit Witzen für gute Laune: Wo wohnt die Katze? ‚In einem Mietzhaus.‘

Es ist nicht allzu innovativ, wenn der Stoffvogel über den Tisch hüpft oder die Katze in einem kleinen Sessel platziert wird, aber es gelingen hübsche kleine Momente – etwa, wenn die Kuh im rosa Tutu noch einmal ‚Schwanensee‘ tanzt wie einst in ihren besseren Zeiten. Geld kann sie damit zwar nicht mehr verdienen, aber bis Berlin schaffen die vier es letztlich ohnehin nicht. Halb so wild, auch im Alter kann man schließlich noch Pläne haben – oder wie es bei den Berliner Puppenspielern heißt: ‚Das könn‘ wir och veschieb’n.‘