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Die Liebe hat Leichen im Keller

Theater So fein kann Erotik sein: Das Fitz zeigt 'Als Es über uns kam'.
erschienen am 08.10.2015 in Stuttgarter Zeitung
von Cord Beintmann

Der Mensch ist nicht Herr im eigenen Haus, meinte Sigmund Freud, er sei den Kräften des Unbewussten ausgeliefert. Auf der Bühne des Stuttgarter Fitz ist ein Häuslein aufgestellt, das nur aus einem einzigen Raum besteht. Er hat ein Fenster und eine Tür, zwei Wände sind aus Gaze, diesem feinen Gespinst, das den Blick des Zuschauers in den Raum freigibt. Ein Mann (Robert Atzlinger) und eine Frau (Iris Meinhardt) treffen aufeinander, Vermieter und potenzielle Mieterin. ‚Gibt es Leichen im Keller?‘, fragt die Frau. – ‚Eins, zwei‘, entgegnet der Mann. ‚Da könnte ich meine dazulegen‘, entgegnet die Frau – und damit wird auch die Thematik des Figurentheaterstücks ‚Als Es über uns kam‘ gleich zu Anfang intoniert. Es geht um Unbewusstes und Unbewältigtes.

‚Als Es über uns kam‘ hat die Figurentheatergruppe Meinhardt Krauss Feigl ihre neue Produktion genannt. Zu erleben sind bestechende Videoprojektionen (Oliver Feigl), die das Haus brennen lassen, in ein Aquarium oder einen Wald verwandeln, die Wände in Wasser versenken oder einfach mit Lichtreflexen eine geisterhafte Stimmung schaffen. Überhaupt ist es die unheimliche Atmosphäre des Traums, die auf der Bühne heraufbeschworen wird, unterfüttert von raffinierten Klängen (Musik: Thorsten Meinhardt).

Irgendwann wird der Makler zum Psychiater, und natürlich geht es um Freuds Es, das mit einer schönen Formulierung ‚hungrig‘ genannt wird. Das Aufregende an dieser Produktion (Regie: Michael Krauss) aber ist die Dynamik von Anziehung und Abstoßung. In prägnanten Standbildern, die von flackerndem Licht getaktet werden, zeigen Iris Meinhardt und Robert Atzlinger Varianten der Körperlichkeit zwischen Mann und Frau: Begehren und Wegschubsen, Gewalt und Zärtlichkeit, Kuss und Ohrfeige. Sprache wird eher sparsam verwendet. Und einmal gelingt auch eine bewegende Verdichtung, wenn der Mann atemlos Aufforderungen ausstößt, die für Glanz und Elend der Paarexistenz stehen: ‚Geh! – Bleib! – Fass mich nicht an! – Du bist mir zu nah! – Lass mich nicht allein! – Sei meine Mama!‘

Wunderbar ist Iris Meinhardt, wenn sie mit ihrem Körper vertraute Begriffe verbildlicht. ‚Seitensprung‘: in Kleid und Pumps springt sie voller Anmut zur Seite. ‚Fehltritt‘: sie verstolpert einen Schritt. Da glückt, was Theater sein kann, irritierend, anschaulich und komisch zugleich. Viele Szenen dieser Produktion bleiben zwar rätselhaft, aber dennoch gelingt ein Abend, der den Zuschauer mit Wörtern, Bildern und Körpern in einen aufregenden Raum der Bedeutungen und Symbole zieht.