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Die Liebe zum Objekt

Die Tücken des Religiösen als Figurentheater
erschienen am 03.06.2007 in Info
von Ute Hallaschka

Im Stuttgarter Figurentheater FITZ fand eine besondere Uraufführung statt: Die Passion der Schafe, dargestellt vom Ensemble Materiallheater. Die vierköpfige Truppe ist diesmal um drei Gastspieler erweitert, sieben Personen also, Figuren-Puppen-Schauspieler und Objektheatermacher, die aufgrund ihrer unterschiedlichen Herkunft (Deutschland, Italien, Spanien, Ungarn) über keine gemeinsame Muttersprache verfügen. Dennoch haben sie das Stück und die deutsche Textfassung gemeinsam entwickelt und geschrieben, geprobt wurde aus Fairness-Gründen auf französisch – der einzigen Fremdsprache, die alle beherrschen -: das konnte heiter werden. Und das wurde es auch, erstaunlicherweise, denn es geht in dieser Produktion um ein brandaktuelles und ernstes Thema: Legitimation von Gewalt aufgrund religiöser Gläubigkeit. Beinah automatisch schrillt zu diesen Schlagwörtern die Dschihad-Glocke im Hinterkopf- und das ist die erste Überraschung des Abends: das Stück spielt im christlichen Kulturkreis. Eine dramatische Darstellung, die sehr subtil und handgreiflich die Gewaltstrukturen aufs Korn nimmt, die in jedem religiösen Kontext drohen und zu Missbrauch und Traumatisierung des individuellen Menschen führen können. In Israel klagt gerade eine fromme Jüdin gegen eine staatliche Busgesellschaft, die sich von Ultraorthodoxen eine Sitzplatzordnung aufzwingen ließ – Frauen stehen hinten mit kleinen Kindern an der Hand, vorne sitzen die Männer, Frauen, die es wagen sich in die Männersektion zu setzen, werden verprügelt. Der Papst hat kürzlich auf seiner Südamerikareise wieder den vorehelichen Beischlaf und überhaupt die Lebenslust gegeißelt, trotz Aidsgefahr gelten Kondome der katholischen Kirche weiterhin als Handwerkszeug des Teufels. Es ist eine universelle Geschichte, die sich auch in der Moderne weiterhin abspielt. Inspirationsquellen für die heutige Inszenierung waren u. a. Texte von Saramago, Bulgakow, Pasolini und Marx. Es wird mit Versatzstücken und Symbolen der christlichen Ikonografie gespielt – in einer unglaublichen Mischung von schräger Komik, leidenschaftlichem Komödiantentum und hochpolitischem Ernst. Das Besondere daran ist, dass niemals der Respekt verletzt wird, weder vor dem Menschen, der zum Opfer religiösen Wahns wird, noch vor den positiven Potentialen des Religiösen.

Eine Gruppe anonymer Atheisten tritt auf wie eine Herde verlorener Schafe. Jeder beschreibt seine spezifische Verwirrung, die im gemeinsamen Inszenieren der Evangelienhandlung eine Art Katharsis finden soll. Ungeheuer komisch wandelt diese Selbsterfahrungsgruppe durch die biblische Geschichte und integriert den jeweiligen Irrsinn des Betroffenen darin. Da ist Susanne mit der riesigen rosa Blase auf dem Kopf – mit dreizehn hat man ihr gesagt: Gott sieht alles, sogar deine Gedanken. Nun soll sie auf dem Selbsterfahrungstrip ausgerechnet die Rolle der Maria übernehmen, wogegen sie sich mit clownesker Verzweiflung sträubt. Dann ist da jener Messdiener, der immer noch den inneren Weg nach Palästina sucht und folglich die Rolle des Esels übernimmt. Er berichtet dann die Evangeliengeschehnisse aus der Eselperspektive. Neben dem animalischen Blickwinkel kommen auch die Objekte zu Wort. Die Spielmacher verleihen den simpelsten Gegenständen einen doppelten Boden, die Dimension des Phantastischen. Es ist ein äußerst sprechendes Geschehen, das sich so einstellt. Sichtbar verschieben sich die Gewichte immer mehr aus dem äußeren biblischen Kontext ins innere Standbild. Die Truppe findet so himmlisch komische Einstellungen und Ausdrucksformen, dass man wie in einem Fotoalbum der Neurosen blättert.

Was hat das alles mit uns, dem aufgeklärten, sich amüsierenden Publikum zu tun? Man wird so innig angerührt von diesem spielerischen Zeigen der Wunde (Beuys), dass sich im eigenen inneren Theater sehr bald herausstellt: auch du bist gemeint. All das im zeitgenössischen Bewusstsein, was ins Herdenhafte tendiert, ins Anklammern an Objekte der Liebe und des Glaubens. Das scheint nicht wenig heutzutage.

Wir sind vielleicht wundergläubiger (der Klimawandel wird schon irgendwie wieder weggemacht werden, von irgendwem), objektbesessener (Schnäppchenjäger) und denkfauler („Sachzwänge“) denn je. Der große Gott des Geldes jagt seine Herde rund um die Erde. Und wer wäre nicht in Gefahr, gelegentlich freiwillig den Verstand zu verlieren, wenn man ihm dafür den wieder gefundenen Glauben an die Welt und den Menschen verspricht.