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Die richtige Mischung

„Die Königin der Farben“ im Theater Waidspeicher in Erfurt
erschienen am 10.02.2006 in Das andere Theater
von Anke Meyer

Auftritt Hofmalerin und Hofmusikus, beide, wie es sich gehört, etwas steif. Doch das gibt sich, sobald die Hofmalerin (Eva Noell) sich ihrem Metier zugewandt hat. Mit schnellem Strich setzt sie den Umriss einer kleinen dicken Gestalt mit Krone, eine kleine Königin, aufs Papier – dank dem als Zeichentisch dienenden Overheadprojektor für alle sichtbar. Einen Raum (im Schloss versteht sich) und ein Bett bekommt sie auch noch, denn sie wird ja gerade geweckt, mit Morgenmusik vom Holmusiker (Tobias Rank). Und dann – geradezu mirakulös – beginnt sich die gezeichnete Figur im mit gekonnt einfachen Linien gezeichneten Raum zu bewegen, hopst ganz unmonarchisch auf dem 8ett herum, dehnt die Arme so lang wie sje eben gebraucht werden und tyrannisiert stante pede die beiden Hofangestellten, die ihr doch just zum »Leben« verholten haben Alles was sie braucht und fordert – »mal mal’n Ball!!« – wird unverzüglich von der Malerin geliefert, das heißt gezeichnet. Eigentlich passiert also anfangs nichts weiter, als dass die kleine Königin aufsteht und spielt und viel will.

So einfach bleibt die Geschichte im Grunde: Die kleine Königin will Farbe sehen in ihrem schwarz-weißen Alltag, wünscht sich erst Rot, dann Blau, dann Gelb, ganz viel von allem! Hofmalern und Hofmusiker tun ihr Bestes – und immer wieder zu viel des Guten. So wird der wilde Ritt auf rotem Pferd, bei dem schließlich alles von Rot überdeckt ist, ebenso lebensgefährlich wie der mutige Sprung ins stille, blaue Wasser und die Rettung ins flirrend gelbe land der nie untergehenden Sonnen. Hier geht die Erfurter Inszenierung von »Die Königin der Farben“ auch im Bild, trotz zunächst deutlicher Orientierung an den grafischen Vorlagen des gleichnamigen Bilderbuches von Jutta Bauer, über die Buchvorlage hinaus. Das Zuviel an einer Farbe, einer Temperatur, einem Temperament wächst sich zur Bedrohung aus, wird existenziell. Der Pinsel wird wild geschwungen, sei es in der Übererfüllung der Befehle, sei es aus wachsendem Höflingszorn (Elternzorn?) und die kleine, lebendig gewordene Zeichnung droht zu verschwinden. Die Rettung liegt nicht im anderen Extrem, auch nicht im wahllosen Zusammenkippen aller Farben zu einem grau-braunen Schmodder, sonderte, und da folgt Eva Noells und Paul Olbrichs Inszenierung der Vorlage, der richtigen Mischung. Eine Botschaft, die Logaus berühmter Sentenz „In Gefahr und großer Not bringt der Mittelweg den Tod« recht bunt gemischt entgegensteht und für sich genommen am Ende ein wenig brav wirkt, allen konfettibunten Träumen zum Trotz.

Doch der poetische Witz, die kleinen theatralen Frechheiten, geschehen unter anderem durch die geschickte Umbesetzung« der Untertanen: Im Buch sind es die Farben selbst, hier sind es Musiker und Malerin, die den Anweisungen der kleinen Königin folgen. Daraus ergibt sich ein immer wieder überraschendes Zusammenspiel zwischen der zeichnenden oder vorgefertigte Zeichnungen auf dem Projektor bewegenden Spielern, der Figur und dem Spieler hinter dem Schattenspielschirm (Paul Olbrich} So muss zum Beispiel gepustet werden, wie bei jedem Kind, als die kleine Königin einen blauen Fleck am Po entdeckt Der Spieler pustet, die Malerin auch, hier aber verschwindet kein Wehwehchen, sondern es wächst, das Blau breitet sich aus und führt die Figur in eine Wolken- und Wasser-Welt und der Pianist spielt den Blues. Und nebenher erzählen sich fast von selbst kleine, zärtliche Anekdoten aus dem Eltern-Kind-Alltag. In der Verquickung der verschiedenen Erzählebenen erleben wir so ein Illusionsverwirrspiel, das auch offensichtlich kleinen Kindern schon Vergnügen bereitet – den Großen sowieso. Verstärkt wird dies durch Paul Olbrichs einfühlsame, pointierte und leicht ironisierende Darstellung der kleinen Königin, der er zum allgemeinen Pläsier seine ganz unverstellte Männerstimme leiht.