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Die Töne der Ausgestoßenen

Wilde & Vogel mit ' Sibirien' im Figurentheater Stuttgart
erschienen am 17.10.2015 in Stuttgarter Nachrichten
von Brigitte Jähnigen

Nadja tanzt. Bewegt im Halblicht ihre Knochenarme und -beine in einer bizarren Choreografie. Hin, immer wieder hin tanzt die armlange Marionette im weißen Gewand zu ihrem Spieler Michael Vogel, der auf der Bühne Ossip ist. Ossip Mandelstam, Märtyrer der Poesie, Opfer des Diktators Stalin. Ein wenig Liebe nur, ein wenig Menschlichkeit wollen die Lagerinsassen im Gulag. Doch schon spricht Michael Vogel mit Piepsstimmchen, was Mandelstam 1937 vorab über seinen Tod in einem Zwangslager in Wladiwostok dichtete: ‚In weite Ferne gehen Hügel, Menschenköpfe, / Mich wird man nicht mehr sehn, ich werde verschwindend klein – Und doch, in Kinderspielen, Büchern, zärtlichen Geschöpfen / Werd ich einst auferstehend sagen, dass die Sonne scheint.‘

Wie trostlos die Hoffnungslyrik in dieser von skelettartigen Figuren bevölkerten Bühnenödnis wirkt, wie vernichtend Charlotte Wildes musikalisches Instrumentarium. Vogel schickt mit seinem Atemstrom ein Faserfusselchen in die Höhe, ein weißes Seelchen.

Hunger, Verelendung, Paranoia: Von der Einsamkeit in der Gulag-Hölle, von der Grausamkeit in einer entmenschten Winterlandschaft erzählen Wilde & Vogel mit ihrer Regisseurin Christiane Zanger. Die Zeit rieselt als weißer Sand auf den Bühnenboden. Eine Flöte, angetrieben durch einen Blasebalg, assoziiert das Heulen einer Dampflok aus der Ferne – so sind sie angekommen, die Ausgestoßenen. Politisch Verfolgte, Unangepasste, Poeten wie Mandelstam. Vogel lässt Affenmarionetten statt Menschen auftreten, verschmilzt mit ihnen zu Halbwesen, kleidet sich halbseitig in Fell, schrillt, schreit, röchelt. Wilde streicht Saiten, raumhoch über die Bühne gespannt, erzeugt Töne über die Schmerzgrenze hinaus. Dann Sequenzen quälender Stille, zu hören ist nur das akustisch verstärkte Sticken einer Frau auf einem Hocker. Unsichtbar regiert die Barbarei. Die Frage heißt: ‚Nur noch sterben?‘.

Für Leichtigkeit bleibt kaum Raum in dieser Inszenierung. Allein die Ortsbeschreibung Sibiriens, wie Bälle in einem Dialog zwischen Vogel und Wilde im Prolog des Abends hin und her geworfen, erheitert. Mandelstam, der moderne Orpheus. Seine Stimme blieb, wurde für die künstlerische Avantgarde der 1960er und 1970er Jahre in der Sowjetunion zum Fanal. ‚ Sibirien‘, das sich hochsensibel mit dem Phänomen des Unberechenbaren befasst, schenkt dem Pu­blikum über das Theatererlebnis hinaus einen Weg zu Mandelstams Werk. Nächste Begegnung an diesem Sonntag um 18.00 Uhr.