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Dürre Wesen in der Wüste

Theater Im Stuttgarter Fitz fassen Wilde & Vogel die Leere Sibiriens in gespenstische Bilder.
erschienen am 19.10.2015 in Stuttgarter Zeitung
von Cord Beintmann

Das Wort ‚Sibirien‘ weckt Assoziationen eher düsterer Natur – und ‚Sibirien‘ heißt auch die Produktion des Leipziger Figurentheaters Wilde & Vogel, die jetzt im Stuttgarter Fitz zu sehen ist. Quer über die Bühne sind Fäden gespannt, Charlotte Wildes Instrumente liegen auf dem Boden, und nur noch ein Tischlein ist zu sehen. Von der Decke rieselt minutenlang Sand, der eine kleine Wüste bildet und das Gefühl von Leere erzeugt. Extrem reduziert sind auch Michael Vogels Figuren: Mit ihren überlängten, dürren Gliedmaßen gleichen sie den Skulpturen von Alberto Giacometti. Wie abgenagte Knochen sehen die Beine aus, die spindeldürren Finger greifen ins Leere. Die äffische Gesichter mit Spitzohren entbehren jeglicher Niedlichkeit. Doch die Figuren, teils Marionetten, teils handgeführt, strahlen eine gruselige Lebendigkeit aus.
Was widerfährt ihnen? Manches, was man in Sibirien erwartet. Eines der Wesen schleppt sich wie ein Verdurstender durch den Wüstensand, ein anderes trägt eine russische Uniform mit goldenen Epauletten und bellt mit krächzender Stimme Unverständliches ins Publikum. Ein despotischer Sowjetoffizier? Michael Vogel spielt das in der Regie von Christiane Zanger bravourös – und Charlotte Vogel unterfüttert seine beklemmenden Szenen mit unheimlichen Klängen. Ihrer E-Gitarre und verschiedenen Materialien entlockt sie kraftvolle, pochende Töne. Ein bisschen singt Vogel einmal von der Liebe, und eine seiner Puppen zupft kontaktsuchend zaghaft an einer anderen. Aber Liebe und Wärme fehlen in diesem Sibirien völlig. Stattdessen fällt der Satz: ‚Nur noch sterben? Und dann der Sprung aufs Pferd?‘ Einsamkeit, Leere und das Verlöschen der Existenz: das Stück setzt klare, harte Akzente. Aber gibt’s in Sibirien denn nicht auch Schönheit?