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Ein sehr, sehr wildes Figurentheaterstück

Berühmtes Kinderbuch ist Ausgangspunkt für eine turbulente Fahrt in eine anarchische Welt.
erschienen am 06.07.2016 in Fidena Portal
von Manfred Jahnke

Das fängt gut an. Eine junge Frau in einem langen grauen Rock fragt: Geht es Euch allen gut? Die Kinder antworten brav wie im Kasperletheater: JA! Aber es kommt noch besser, die junge Frau erklärt, dass es im Theater Regeln gibt, dass die einen hinter der imaginären Linie sprechen dürfen und die auf der anderen Seite nicht. Ja, und dann gibt es sogar eine Handykontrolle und prompt wird jemand erwischt, der nur den Flugmodus eingeschaltet hat. Schon ist das Smartphone bis Ende der Vorstellung konfisziert. Dabei steht ein junger Mann, der diese Einleitung leise musikalisch begleitet hat. Dann greift die Spielerin zum Akkordeon, man singt gemeinsam ein Lied, dann fällt das Licht auf ein überdimensioniertes Buch, das auf einem Tisch inmitten der Bühne steht. Darunter noch – mit einem Tuch versteckt – eine Glasvitrine, eingerahmt von zwei schwarzen Wänden rechts und links. Auf dem Buch ist groß der Titel zu lesen: „Wo die wilden…“. Auseinandergeklappt wirkt es zu einer kleinen Figurenbühne. In der Mitte links unten ist ein Fenster eingeschnitten und darin erscheint Max, der Radau macht und schließlich von der Mutter ohne Abendessen ins Bett geschickt wird.

In der Regie von Stefanie Oberhoff nehmen Mirjam Ellenbroek und der französische Figurenspieler Samuel Beck das berühmte, auch bereits verfilmte Bilderbuch „Wo die wilden Kerle wohnen“ von Maurice Sendak ziemlich frei als Ausgangspunkt für eine turbulente Fahrt in eine chaotisch-anarchische Welt.

In die Traumwelt des Max dringt eine weitere Stabpuppe ein, das Mädchen Sophie. Während Max bei Sendak mit seinem kleinen Segelboot aufbricht, um von den wilden Kerlen zum Herrscher ausgerufen zu werden, nehmen Ellenbroek/Beck die Reise zum Anlass, die Regeln der Erwachsenen und Bühnenkonventionen über Bord zu werfen.

Max und Sophie stacheln sich gegenseitig an und während die beiden Figuren in der Führung ihrer Spieler anfangs eine gewisse Eleganz haben, werden auch ihre Bewegungen hektischer. Im heftigen Spiel fallen zuerst die beiden Seitenwände, rechts wird dahinter eine Garderobe sichtbar, während links nur ein Tisch steht. Ein Scheinwerfer entwickelt ein kleines Feuerwerk. Und Mirjam Ellenbroek schlägt mit einem Hammer auf alle möglichen Dinge ein, versucht eine Melone zu zerquetschen, bis am Ende das Licht ausgeht, eine Alarmsirene aufleuchtet und (vom Band) die Geräusche herannahender Feuerwehrfahrzeuge zu hören sind.

Am Ende steht hier nicht Max‘ Aufwachen durch den Duft eines noch warmen Abendessens, sondern das totale Chaos, das noch keinesfalls verbraucht ist. Die zuschauenden Kinder, die teilweise lautstark in das Spiel mit eingestiegen sind, dürfen nun die Bühne stürmen. Aber so viel Regelhaftigkeit muss denn doch sein: Anschauen ja, aber Anfassen nein. Schwarze Pädagogik – am Ende fesseln denn doch wieder die Regeln. Aber es war einfach schön, Mirjam Ellenbroek und Samuel Beck beim Entladen ihrer spielerischen und destruktiven Energien zuzuschauen. Auf jeden Fall sind sie große Sympathieträger. Und das Versprechen auf ein „sehr, sehr wildes Figurentheaterstück“ wird eingelöst.