Springe zur Navigation

Ein Seiltanz zu den Türen der Erinnerung

erschienen am 08.04.2002 in Mitteldeutsche Zeitung
von Thomas Altman

„Das Leben ist so und so“ und manchmal ist es eher traurig, zumal unter dem Firmament eines Zirkuszeltes, wo schwermütig schöne Sehnsüchte auf Seilen tänzeln. Wenn dann noch ein Waisenkind die Manege betritt, gesellt sich zum flüchtig drapierten Charme der Zirkusluft eine gehörige Portion Rührseligkeit. Mögen sich darin oft selbstverliebte Befindlichkeiten spiegeln, manchmal wird eine kleine, große Geschichte daraus. „Maria auf dem Seil“ ist so eine Geschichte, die den Sprung vom Trapez in die Träume schafft.

Christiane Zangers Inszenierung macht den Roman von Lygia Bojunga-Nunes zu einer szenischen Collage ideenreicher Bilder, die auch eine virtuose Komposition der Mittel aus Puppen-, Schau- und Schattenspiel ist. Manchmal stornieren die Bilder die Geschichte, um dann doch in wechselnden Tempi die Erzählung weiterzuführen. Maria, eine Marionette, deren Kindlichkeit von der Erscheinung einer morbiden Primaballerina überformt ist, hat ihr Leben vergessen und wird als Waise zur Großmutter gebracht. Dazu verwandelt sich Ines Müller-Braunschweig vom Zirkusdirektor in eine brasilianische Gouvernante spanischer Provenienz namens Dona Maria Cecilia Mendonza de Melo. Dies geschieht mittels einer Maske, die wahrlich Respekt einzuflößen vermag.

Zuweilen wird die Geschichte eben zum Bänkelsang, obwohl Charlotte Wilde viele, entfernt verträumte Spieluhrenklänge anstimmt. Wenn Maria über den Hinterhof in die Vergangenheit balanciert, wird der zielgerichtete Seiltanz auf ein Taschentuch projiziert. Hinter einer ersten Tür verbirgt sich pränatales Geschehen,  als differenziertes Schattenspiel im mystischen Licht mit allzu realem Gehalt: Großmutter war strikt gegen die Heirat ihrer Tochter mit einem Seiltänzer. Hinter einer zweiten Tür – das Meer rauscht symbolträchtig – wird Maria empfangen und geboren.

Nicht nur wenn illustrierend ein Ei zur Schau getragen wird, gibt es liebevoll ironische Distanz zur Rührseligkeit. So schippert ein Papierschiffchen witzig und rätselhaft über die Bühne, die von Anfang bis Ende eine Manege bleibt. Dona Maria hatte ihre Enkelin entführt und lange vor ihren Eltern versteckt, die ihre Tochter dann doch den Seiltanz lehrten. Hinter einer anderen Tür verbirgt sich die Erinnerung an einen Geburtstag. Die Großmutter stapelt Geschenke, deren projizierte Größe Maria nicht beglückt. Als Hauptgeschenk gibt es eine Geschichtenerzählerin, einen gekauften Menschen.

Mag diese eindrucksvolle Puppe auch in einer griechischen Tragödie orakeln können, haben ihre Geschichten hier realen Gebrauchswert als Ersatz für fehlendes Essen. Maria erzählt ihr von der Speisefolge des Geburtstagsfestes, welche die Alte verzückt repetiert, bis sie am Höhepunkt des kulinarischen Crescendos übersättigt stirbt. Und den Absturz der Eltern hinter der bedrohlich roten Tür gibt es als minimalistisches Schattenspiel, was die Szene vor Pathos bewahrt. Am Ende wächst aus dem erinnerten Trauma der Traum vom eigenen Zirkus. Den haben die Spieler im Rückblick verwirklicht. „Das Leben ist ein Seiltanz“ – manchmal.