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Ein Spiegellichtlein Liebe

Das Leipziger Figurentheater Wilde & Vogel begeisterte mit „Krabat“ im T-Werk
erschienen am 22.11.2010 in Potsdamer Neueste Nachrichten
von Dirk Becker

Zwischen Krabats „Ich interessiere mich nicht für Mädchen“ und Kantorkas „Ja, ich liebe ihn“ liegen nur ein paar Minuten. Wortlose Minuten zwar, dafür aber bildstarke. Typische Wilde & Vogel-Minuten.

Die Liebe, die sich hier entspinnt und die am Ende entscheiden wird, ob das Gute oder das Böse siegt, ist in diesen Minuten nur ein kleines Licht. Ein Spiegellicht, das flatterhaft über die Bühne im T-Werk tanzt. Etwas Fragiles, das sich als Irritation entpuppen und so schnell verschwinden und vergessen werden kann, wie es gekommen ist. Eine Ahnung nur, in der aber schon jetzt Großes ruht. Am linken Bühnenrand steht Krabat. Eine kleine, leichenbleiche Puppe, wie man sie nur zu gut aus dem Arsenal des Figurentheaters Wilde & Vogel kennt. Kantorka, ebenfalls leichenbleich, steht am rechten Bühnenrand. Gleich neben dem Podest, das mittig postiert im hinteren Bühnenraum, für Charlotte Wilde als Plattform für ihre musikalischen Zaubercollagen dient.

Dieses kleine Licht also, geschickt von einem kleinen Taschenspiegel, tanzt schmetterlingshaft, vogelgleich und ohne Eile von Krabat hinüber zu Kantorka. Und es geht ein Zauber aus von diesem kleinen Licht, von dieser so einfachen Idee. Typischer Wilde & Vogel-Zauber. Und während man dort sitzt und diesem Tanz zuschaut, weiß man, dass eine gerade aufkeimende Liebe nicht schöner und treffender gezeigt werden kann, als mit diesem kleinen Handspiegel.

„Krabat“, das bekannte Märchen vom gleichnamigen 14-jährigen Waisenjungen, der in der Mühle im Koselbruch neben dem Müllerhandwerk auch die Kunst der Schwarzen Magie erlernt, am Ende jedoch den Versuchungen des Bösen widersteht und die Liebe siegen lässt, war am Wochenende in der Inszenierung mit dem Figurentheater Wilde & Vogel im T-Werk zu erleben. Zwei Vorstellungen, beide ausverkauft. Ein seit Jahren typisches Bild, wenn der Puppenspieler Michael Vogel zusammen mit der Musikerin Charlotte Wilde in Potsdam auftritt. Daran wird sich wohl auch in Zukunft nicht viel ändern. Denn mit ihrem „Krabat“ haben sie einmal mehr gezeigt, dass sie im Figurentheater zu den überzeugendsten Geschichtenerzählern gehören.

Etwas über eine Stunde reichen Charlotte Wilde und Michael Vogel, um die Geschichte von Krabat in losen Szenenfolgen zu erzählen. Mit dabei sind bei dieser Inszenierung Dagmar Sowa und Pawel Chomczyk von der polnischen Grupa Coincidentia und Florian Feisel, bekannt schon aus Wilde & Vogels „Hobbit“.

Die Bühne ist, wie so oft, ein schwarzes Loch, aus dessen dunklen Schatten sich die Figuren schälen, die Geschichte durch Bilder mehr angedeutet als erzählt wird. Und es sind gerade diese Andeutungen, mit denen es Wilde & Vogel mittlerweile zu einer Meisterschaft gebracht haben, die den Kopf des Zuschauers mit Assoziationen förmlich überfluten. Was die Schau- und Puppenspieler dafür benötigen, ist nicht viel, wie schon das Spiel mit dem Taschenspiegel zeigt. Doch es ist dieser Minimalismus, ein bis ins kleinste Detail verliebter Minimalismus, der die eigene Fantasie zu einem unendlichen Reich werden lässt.

Am Anfang ist da nur ein furchtbarer Lärm, den Charlotte Wilde auf einer Elektrogeige fabriziert. Die grauenhafte Sinfonie zu einer grauenhaften Zeit, als der 30-jährige Krieg das Land verheerte. Es ist die Zeit, in der Krabat zur Waise wurde und seinen Weg in die Mühle im Koselbruch fand. Am Bühnenrand liegen die Schauspieler. Im Todeskampf verdrehte Leichen auf einem Knochenberg. Krabats Weg in die Mühle, sein Treueschwur auf den düsteren Meister, das Treiben der Müllergesellen – all das wird nur in kurzen Passagen erzählt. Schau- und Puppenspieler vertrauen hier ganz auf die Macht ihrer Bilder, die von Charlotte Wilde auf der Violine mit Anspielungen an Bachsonaten, elektronischem Geflirre und fast sphärischem Gesang erst die richtige Form erhalten. Keine musikalische Untermalung, sondern die Farbe, die diese Bilder zu Vollendung brauchen. Und es sind diese Bilder, getanzt, gespielt, die am stärksten Eindruck hinterlassen.

Das Werden des Müllermeisters zum Knecht der dunklen Seite, die Knochenmühle, die Rabenverwandlungen der Müllergesellen, der Auftritt des „Herrn Gevatter“, ein lächerlich, tanzendes und tobendes Tödchen. All das wurde mit kunstvollen Bildern erzählt. Dazwischen immer wieder das Erstaunen darüber, wie wenig Michael Vogel mittlerweile braucht – eine Maske nur, ein Handschuh und ein dunkler Mantel – um sich als Schauspieler vergessen, ja fast unsichtbar zu machen und so nur seinen makaberen Puppen das Feld überlässt. Es ist ein beglückendes Staunen über ein an sich schon bekanntes und in seiner Grundstruktur so simples Märchen. Doch wenn es gut erzählt wird, geht immer wieder ein ganz besonderer Zauber davon aus. Typischer Wilde & Vogel-Zauber.