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Eine Hamletfantasie

erschienen am 05.08.2000 in Neue Zeitung Graz
von Eveline Koberg

Sie finden in einer Männerhand Platz, die beiden Püppchen Polonius und Hamlet, die sich im Rahmen von „La Strada“ im Grazer Theater am Ortweinplatz zwischen den gespreizten Beinen des Puppenspielers Michael Vogel über eine Aufführung von Shakespeares „Hamlet“ unterhalten: Um Verleumdung gehe es – um „Eine Hamletfantasie“ geht es, in der grandiosen Collage „Exit“ des 1991 gegründeten Figurentheaters Wilde & Vogel, wenn aus verstaubten (Bühnen-) Tiefen Hamlet, Claudius, Gertrud. Ophelia und Polonius geholt werden, um in Armlängengröße und auch mannsgroß von Neuem ihren wilden Tanz schwermütig zu beginnen; zwischen und mit zu Gedankenfetzen reanimierten Totenschädel, Gliedmaßen und einer Flasche. Geführt von Vogel und auch mit ihm, angetrieben von der hervorragenden Live-Musik Charlotte Wildes, die die pittoresken Protagonisten durch Klänge zwischen Melancholie und Raserei noch plastischer werden lässt. Nicht Interpretation des großen Themas ist es, mit der Vogel sein erschaudernd fasziniertes Publikum konfrontiert, sondern Reflexion ist das Prägende seiner Bilder und ihrer nur zum kleinen Teil originalen Texte. Emotion ist die Sprache seiner Figuren. So zählt die Machtergreifung Claudius‘, sein Baden im Gefühl der endlich errungenen Position zum Erregendsten, was Puppentheater bieten kann. Ergreifend von ganz anderer Art die technisch besonders heikle Totenvogelszene zum Ausklang eines Figurenspiels, in dem die spezifischen Möglichkeiten dieses Mediums mit berauschender Intensität genutzt werden.