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Eine poetische Geisterstunde

erschienen am 28.09.2004 in Husumer Nachrichten
von Hildegard Filz

 Es ist Nacht. Rabenschwarz, nicht ganz. Ein Lichtkegel bricht sich Bahn. Verrücktes Licht- und Schattenspiel, ein Tanz um die allgegenwärtige Melancholie. Tuchumhüllt sitzt sie als lebensgroßer Automat an einem Holztisch, mechanisches Spiel der linken Handknochen. Zeigefinger und Tischplatte treffen sich, haben ihren Rhythmus gefunden, lassen die Zeit wie ein Uhrwerk vergehen. Sinnlich erfahrbare Zeit, hörbar, sichtbar. Der Weinkelch wird zum Stundenglas, Schluck um Schluck enden die Tropfen, die von der Bühnendecke fallen. Ein Mann tritt aus dem Dunkel, übernimmt die Gesten der Puppe, hält sich die Maske vor – wir sehen: Robert Schumann. Metarmorphose eines Schauspielers, der sich hier zum alter ego macht, um Leid und Leidenschaft des romantischen Komponisten und Literaten Körperlichkeit zu schenken. In einer 75-minütigen „Toccata“: Mit einem „Nachtstück über Robert Schumann“ beendete das Stuttgarter Figurentheater Wilde & Vogel die 21. Pole-Poppenspäler-Tage in Husum.

Das war kein Puppenspiel, das war ein Schauspiel mit Puppen. Mehrköpfige Fabelwesen als verstörend überzeugende Hüllen der vielschichtigen Persönlichkeit Schumanns, 46-jährig in der Nervenheilanstalt Bonn-Endenich gestorben. „Angst, Unruhe, Neigung zu Schwindel, pulsschwach“ – ein Gemütszustand kommt im Stechschritt daher und der Text an diesem Abend vom Band: Schumanns Tagebuch, gelesen von Michael Vogel. In den Zitaten spiegeln sich der Kampf ums Dasein und jener mit den Geistern, die ihm zusetzen und seinen Gesundheitszustand verschlimmem. „Es ist schwer, alles an seine Stelle zu setzen, ohne selbst unverrückbar zu bleiben“, schreibt er kurz vor seinem Tod. Zeit der Romantik, Streben nach Vollkommenheit wird hier zum Lebenssinn.

Die Zeilen sind Glücksgriffe für Regisseur Frank Soehnle, sie unterstreichen intensives Geschehen auf der Bühne. Es ist ein magischer Taumel der Figuren bis hin zu Vogels Tanz mit dem Eselskopf: eine deutsche Tragödie zwischen Himmel und Hölle, gespeist von der stürmischen Liebe zur Pianistin Clara Wieck.

Eine zauberhaft poetische Geisterstunde, aus Mosaiksteinen komponiert: Neben Gedanken sind es die Töne, hinter zarten Vorhängen versteckt produziert von Charlotte Wilde an der Hammond-Orgel. „Töne sind wie Schmetterlinge“, hat Schumann gesagt. Passend dazu tanzen Papillons als traumhafte Begleiter der Schumannschen Welt. Augenblicke des Glücks hängen an seidenen Fäden. Grandios! Eine intelligente Collage von Motiven, die Schumanns Identität in Masken aufspaltet, um einem getriebenen Genius Gesichter zu geben. Was bleibt für die Ewigkeit? Die Musik. Letzte Töne in dieser Nacht, jetzt rabenschwarz.