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Fabelwesen in Azurblau

Unbedingt anschauen: Das Figurentheaterstück ' Wunderkammer' im Fitz
erschienen am 16.11.2013 in Stuttgarter Nachrichten
von Horst Lohr

Was für eine aufregende Reise ins Reich der Fantasie. Dorthin, wo die Sehnsucht nach dem Schönen wohnt – in unserer ‚ Wunderkammer‘. So lautet auch der Titel des Figurentheaterstücks von Alice Therese Gottschalk, Raphael Mürle und Frank Soehnle. Die Künstler verbinden im Fitz ­(Eberhardstraße 61) Impressionen aus Kunst, Musik und den bizarren Marionetten aus Weichplastik zum Gesamtkunstwerk.

Das hat nur ein Manko: seine Flüchtigkeit. Nach einer guten Stunde schon ist es verschwunden. Was soll man mehr bewundern: Die Kunstfertigkeit, mit der die drei ihre eleganten ­Geschöpfe mittels dünner Fäden zum Leben erwecken und scheinbar schwerelos durch den Raum schweben lassen? Oder die ­stoische Geduld der Darsteller, wenn sie selber von ihren Kunststoffwesen manipuliert werden? Aus Schatullen und Köfferchen tauchen die Marionetten-Kostbarkeiten auf. Goldene Hände beschmusen zärtlich das Gesicht der Spielerin. Bildern in Azurblau und Sonnengelb entwachsen gleichfarbige geschmeidige Fabelwesen, die nur aus Kopf, Armen und Beinen bestehen und von den Spielern Besitz ergreifen.

Auch für Komik sorgt das Darstellertrio: Eine alte Wärmflasche verwandelt sich in einen Geiger, ein Kochtopf in einen Kontrabassisten. Mit heißem Latin-Sound lässt dieses Duo eine Bauchtänzerin aus Tüll und Backförmchen aus der Kinderküche ekstatisch mit dem Po wackeln – köstlich.

Den punktgenau bedächtigen Rhythmus dieser fabelhaften Bühnenreflexion über die Kraft der Imagination aber bestimmen die melodiös-sperrigen Kompositionen des Jazzpianisten Michael Wollny und der Cembalistin Tamar Halperin sowie Cellostücke und elektronische Musik von Bradley Kemp.