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Faszinierende »Carambolage

Ein Stück über Oskar Schlemmers Bilderwelt im FITZ
erschienen am 01.11.2008 in kultur
von Dietholf Zerweck

Vor 120 Jahren hier geboren, 1943 in einem Sanatorium in Baden-Baden gestorben: Oskar Schlemmer, einer der bedeutenden Künstler des Weimarer Bauhauses und während der Nazizeit als »entartet« verfemt, gehört mit seinen Bildern und Figurinen, mit seiner künstlerischen Vita und Rezeption zu Stuttgart. Nach dem 70. Todestag, wenn das Urheberrecht aufgehoben ist und sich die Erben nicht mehr der öffentlichen Pflege des Schlemmer-Ouvres widersetzen können, plant die Stuttgarter Staatsgalerie für 2014 eine umfassende Retrospektive. Die Inspiration seines Werks ist jedoch jederzeit verfügbar: Im Stuttgarter Zentrum für Figurentheater haben Frank Soehnle und Enno Podehl unter dem Titel »Carambolage. Ein Oskar für Schlemmer« ein originelles, beziehungsreiches Stück über die Bilder- und Gedankenwelt dieses Künstlers inszeniert.

Die Figurenspielerin Karin Ould Chih und der Schauspieler Robert Atzlinger, die Puppen, Objekte und Masken Sylvia Wankes, die Textauswahl Helmut Landwehrs und die Klangcollage des Duos »rat’n’X« schaffen eine bilderreiche ästhetische Synthese. In fünf Schritten erfolgt die Annäherung an Schlemmer.
Über einem kahlen Kubus baumeln die Hände der beiden Spieler zu Beginn, üben sich in stumpfer Mechanik. Auf einer Leinwand im Hintergrund sind die Jahreszahlen 1940-42 eingeblendet: Schlemmers Tätigkeit in der Wuppertaler Lackfabrik Herberts, wo auch die letzte Gruppe seiner »Fensterbilder« entsteht. Atzlinger zitiert aus seinem Tagebuch, bezeichnend für die künstlerische Isolation: »Ich sehe alles vom Dunkeln aus.« Fetzen einer Goebbels-Rede dringen aus dem Lautsprecher, eine weiße Riesenhand schiebt sich ins Bild: der inneren Lähmung folgt der Tod.

Das Spiel mit Requisiten und Objekten konzentriert sich nun auf die Kunstphilosophie Schlemmers. Halbkugeln bewegen sich im Raum, der »Mensch als Maß und Mitte« wird in einer kugelförmigen Puppe verortet und mit in die Tiefe des Raums gespannten weißen Gummibändern verzahnt.
»Linie, Schärfe, Präzision« sind Schlüsselwörter für die tänzerischen Bewegungen der Figuren und Spieler, ein mit breiten Reifen verstärktes Kostüm erinnert an die Figurinen von Schlemmers »Triadischem Ballett«. Darauf projiziert werden Lichtspiralen und geometrische Formen, Kegel und Zylinder. Aus einem Bündel langer weißer Stäbe entsteht, wie Schlemmer selbst das formuliert hat, »ein Gegeneinander im Raum als Teil einer gewünschten Architektur, in ihnen ist komprimiert, was Form und Gesetz ihrer Umgebung wäre«. Die Bilderwelt des Künstlers – etwa der 1930 geschaffene ­ Zyklus von Bildtafeln im Brunnenraum des Folkwang-Museum in Essen oder seine »Bauhaustreppe« – wird nicht zitiert, sondern mit eigenen Vorstellungen veranschaulicht.

Aus der Lehrstunde in Sachen Schlemmer wird zusehends ein sinnliches Spiel mit Kunstfiguren. Ein spinnenbeiniger Läufer im Rhönrad, ein vielköpfiges Ungeheuer auf dem schwarz kostümierten Körper Karin Ould Chihs, ein gefährlich die Zähne bleckender Beißer: zu der nach Harmonie und Synthese verlangenden Figuration des Künstlers ist die zerrissene Zeit, in der er lebte, mitgedacht. Aus solcher Spannung entsteht diese faszinierende »Carambolage«.