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Figurentheater in seiner phantasievollen Vielfalt

"Maria auf dem Seil" - ein Kleinod im Stuttgarter Fits
erschienen am 28.05.2002 in Ludwigsburger Kreiszeitung
von Arnim Bauer

Wer spricht hier von Kindertheater? Das können nur Menschen sein, die Erwachsenen das Recht auf Träume, auf Phantasie, auf die irreale Welt des Märchens absprechen. Solche, die zwischen der Kindheit und dem Erwachsen-Sein einen scharfen Trennstrich ziehen und damit den Ernst der Welt und des Lebens noch verstärken und verschlimmern wollen. Alle anderen dürfen sich getrost darüber hinwegsetzen und ruhig ins Stuttgarter Figurentheater „Fits“ gehen, in „Maria auf dem Seil“, eine Koproduktion des Figurentheaters Wilde & Vogel und Ines Müller-Braunschweig vom Zikade Theater.

Figurentheater in seiner schönsten und vielseitigsten Ausprägung ist hier zu erleben, wenn die drei die Geschichte der brasilianischen Autorin Lygia Bojunga Nunes erzählen. Maria ist ein kleines Mädchen, das bei einem schrecklichen Absturz vom Hochseil seine Eltern verloren hat. Bei der reichen und harschen Großmutter bleibt ihr nur die Welt des Traumes, um sich wiederzufinden, ihre Biographie zu erzählen, ihre Identität und vor allem Liebe zu finden.

Schon die Marionette Maria ist ein Gedicht an Feingliedrigkeit und Ausdrucksstärke, dazu kommen Masken, Schattenspiele und auch eine sehr gut angepasste Musik sowie eine Geräuschkulisse, die alles wunderbar illustriert. Fein und zerbrechlich wirkt diese anrührende Aufführung einer genauso zarten Geschichte, die die Gedanken schweifen lässt. Ob in der personifizierten Darstellung der drei Akteure als Zirkusartisten Maria Musica (Charlotte Wilde), Feuermännchen (Michael Vogel) und Barbuda   (Ines   Müller-Braunschweig), ob in der schwellkopf-artigen Maske der Großmutter, ob im Puppenspiel Vogels oder in den Schattenszenen – stets greift hier eine selten schöne Lust am Erzählen, plastisch und erlebbar, dies schafft Spannung und Mitfühlen.

Das ist Figurentheater in schönster Form mit all den Vorteilen einer nicht personalen Darstellung, wo dies angebracht ist – und doch auch wieder mit den Vorzügen der Schauspielerei von Menschen. Hautnah ist das zu erleben und oft unter die Haut gehend. Das macht diese in der schon bewährten Zusammenarbeit mit dem Puppentheater der Stadt Halle entstandene Produktion unter der Regie von Christiane Zanger, die auch den deutschen Text geschrieben hat, zu einem echten Kleinod für Jung und Alt.