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Fitz Stuttgart: „Wolkengucken“

erschienen am 23.10.2019 in FIDENA Portal
von Petra Bail

Anne-Kathrin Klatt erkundet Wolken mit Materialtheater und Schauspiel.

Es gibt dicke und dünne Wolken, Schäfchenwolken und Federwolken, solche, die aussehen wie Blumenkohlröschen oder wie durchscheinende Schleier. Wolke sieben ist sogar ein ganz besondere. Sie ist im Gegensatz zu den anderen unsichtbar und sie erzeugt absolute Hochstimmung und maßlose Freude, bei allen, die auf ihr schweben. Wolken sind so vielgestaltig, wie die Fantasie, die sie bei den Betrachtern freisetzen. Wer den flüchtigen Gebilden im Himmel zusieht, erlebt ein großartiges Schauspiel. Anne-Kathrin Klatt hat nun die Idee der flüchtigen Himmelsgebilde mit „Wolkengucken“ auf die Bühne geholt und veranstaltet dort für Kinder ab vier Jahren wunderbar-einfallsreiches Kopftheater.

Weil man Wolken nicht so ohne weiteres vom Himmel auf die Erde holen kann, verwendet sie für ihr kreatives Materialtheater eine watteweiche Modelliermasse, die sich formen, verändern und immer wieder neu gestalten lässt. Die Spielknete besteht aus bunten Mikrokügelchen, die bestens aneinanderhaften und so unter ihren Händen zu Figuren und lustige Kreaturen wandeln – ähnlich eben, wie bei Wolken, die sich ja auch verformen, wie von einer Riesenhand gesteuert. Klatt knetet die Masse mit Schmackes, wie einen großen Teigklumpen und man kann sich als Zuschauer das Wohlgefühl vorstellen, diesen haptisch-sinnlichen Genuss beim Eintauchen in den weichen Perlenbatzen. Sie rollt darauf blitzschnell eine dicke Wurst, aus der Wurst entsteht ein Stiefel. Klatt nimmt die Form in die Hand, dreht sie um, macht surrende Geräusche und schon kreischen die kleinen Zuschauer vor Vergnügen bei der Vorstellung einer Bohrmaschine.

Da das Stück ganz ohne Worte auskommt, das gestenreiche Schauspiel und die vielsagende Mimik mit entsprechend stimmungsvoller Musik untermalt wird, funktioniert das Theater auch für die kleinsten Zuschauer. Dass sie über ausreichend Fantasie verfügen, machen die kleinen Premierengäste lauthals deutlich. Klatt knetet und ein Kind erkennt einen Ball, ein anderes sieht in der runden Form eine Sonne und alle lachen sich scheckig über die farbigen Kleinteile, die eigentlich Beinchen eines Fabelwesens sind, nun ein Eigenleben entwickeln und vom unförmigen Körper abfallen, wie zäher Spiel-Schleim. Das Vergnügen liegt im Scheitern.

Die Möglichkeiten der Veränderung scheinen unerschöpflich. Die Spielerin bevölkert ihren Mikrokosmos aus Drehtisch, Boden und Modelliermasse mit Formen, die Assoziationen erzeugen und auch Erwachsene zum Deuten einladen. Aus grünen Ohren werden blaue Stilaugen, ein Kind entdeckt eine Schnecke mit Fühlern und das nächste Wesen sieht aus wie ein Maulwurf mit rosa Schnauze. Kinder haben eine Vorliebe für unförmige Schmusetiere, nach der Devise: je hässlicher, umso lieber. Wenn sich nun ein amöbenartiges Kuschelwesen in XXL in Klatts Armbeuge schmiegt, trifft das den kindlichen Nerv und man hört liebevolle Lautformen. Teile separieren sich, ähnlich kleiner Cumuluswolken, die über den Himmel treiben. Eine kleine Armee aus Wichtelfiguren darf auf dem runden Tisch schwungvoll karussellfahren. Anne-Kathrin Klatts Dramaturgie ist auf die kindliche Wahrnehmung zugeschnitten: ruhige und turbulente Szenen wechseln sich für die Kleinen wohltuend ab. Wenn die Spielerin am Ende zwischen der zerbröselten Spielknete tanzt, sieht es aus, als ob sie sich rhythmisch durch Wolkenfeldern bewegt. Damit ist aber auch die Aufmerksamkeitsspanne des Nachwuchses erschöpft.