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Flatterpartie zwischen Himmel und Hölle

"Toccata" hatte Uraufführung im Figurentheater Stuttgart
erschienen am 30.10.2000 in Stuttgarter Nachrichten
von Helga Stöhr-Strauch

„Papillons“ (Schmetterlinge) lautete der Arbeitstitel – jetzt hatte das neue Stück vom Figurentheater Wilde & Vogel in der Regie von Frank Soehnle im FITS als „Toccata“ (formal nicht gebundenes Musikstück für Orgel und Klavier) Premiere.

Dabei sind beide Namen dieser Uraufführung erhellend. Geht es doch um die Musiker- und Dichterpersönlichkeit Robert Schumann, der 1810 geboren wurde, sich schon früh als Künstler begriff, und durch einen Unfall an einer Laufbahn als Konzertpianist gehindert wurde. Gleichwohl komponierte und schrieb er weiter. Aber der Genius, der so viele Musikstücke und Aufsätze beflügelt hatte, wurde schon bald von düsteren Gedanken verfinstert. Dämonen und Teufel bereiteten seinem unruhigen Geist Höllenqualen. Schumann starb 46-jährig in einer Nervenheilanstalt.

Assoziativ und schwebend wie die Lebensweise und die Gedanken des Künstlers mutet auch die Arbeit der Musikerin Charlotte Wilde und des Figurenspielers Michael Vogel an. Als ein „Nachtstück“, das aus Gedanken, Tönen und Bildern besteht, die zum Großteil den Tagebuchaufzeichnungen Schumanns entnommen sind, entführt es uns in eine Welt extremer Gegensätze. Es ist die Zeit der Romantik, des Strebens nach Vollkommenheit und des beständigen Scheiterns an sich selbst.

Die Melancholie ist allgegenwärtig. Als lebensgroßer „Automat“ (hier dürfte Heinrich von Kleists Aufsatz „Über das Marionettentheater“ Pate gestanden haben) sitzt sie am Tisch und macht mechanisch ihre Fingerübungen.

Die Zeit tropft währenddessen ins Stundenglas, Dämonen erwachen und blicken uns aus jedem Bühnenwinkel mal schelmisch, mal grausig ins Gesicht. Vorstellungen gewinnen Flügel und flattern schmetterlingsgleich umher, während die live eingespielten Töne einer Hammond-Orgel direkt aus dem Himmel oder dem tiefsten Höllenschlund zu kommen scheinen: Aufbrausend und aufpeitschend ergreifen sie von allem Besitz und reißen es mit in eine Welt des Wahnsinns.

„Toccata“ ist eine dichte und spannungsgeladene Arbeit, die wegen ihrer assoziativen Machart ungemein fesselt. Mit ihren herrlichen Figuren und den stimmungsreichen Kompositionen nähert sie sich subtil einem Zeitgeist, den man sich heute kaum noch vorstellen kann.