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Flucht aus dem Leben

erschienen am 25.10.2008 in Stuttgarter Nachrichten
von Horst Lohr

So hinreißend komisch gespielt wie von der Gruppe Kompania Doomsday Bialystok

bekommt man Tschechows Komödie „Die Möwe“ nicht alle Tage zu sehen. Davon konnten sich die Zuschauer am Donnerstag im Fitz überzeugen. Drei Tage lang zeigen die vier jungen Spieler aus Polen ihr Können als Vollblutkomödianten.

In Koproduktion mit dem Stuttgarter Figurentheater Wilde & Vogel erarbeitete die Guppe ihre von Hendrik Mannes inszenierte liebevoll-freche Sicht auf das Personal des russischen Dichters. Gespielt wurde in polnischer und englischer Sprache mit deutschen Übertiteln. Die vier gründeln auf darstellerisch hohem Niveau in der Seele von Menschen, die sich aus dem Leben in Kunst und Liebe flüchten.

Bei einer simulierten Probensituation spuckt ein schäbiger Koffer Prachtexemplare von Flohmarktramsch aus: Tüllstola, ein zerdrücktes Sommerhütchen nebst Eierwärmer und ein paar Plastikgladiolen (Ausstattung: Michael Vogel) belegen, wie die Träume der Protagonisten nach künstlerischer Vollendung und dem großen Gefühl im Staub der Provinz ersticken. Übrig bleibt die fein choreografierte Hektik von Scheinkreativität. Sie wird immer wieder von Starre abgelöst. Etwa wenn der Bühnenhimmel schwere Regentropfen auf den Billigtisch klatschen lässt, an dem des Schriftstellers gedankliche Höhenflüge unter einem lächerlichen Papierturban zur Kleingeisterei missraten. Oder wenn die abgetakelte Schauspielerin mit ihrem weinerlichen Dichtersöhnchen zur Pieta der Heulsusen verschmilzt.

Großartig springen die Spieler sekundenschnell von Männer- in Frauenrollen und umgekehrt. Zeuge zu sein, wie die vier ihre Figuren, ohne sie zu denunzieren, beim grotesken Scheitern vergeblich Halt an Pose und Pathos suchen lassen, ist ein theatralischer Genuss.