Springe zur Navigation

Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs

Unterhaltsam lamentierende Heldinnen im Stuttgarter Figurentheater Fitz: 'The Best Of Mata Hari' und 'Die Gräfin'
erschienen am 14.03.2015 in Stuttgarter Nachrichtenb
von Thomas Morawitzky

Mata Hari, sagt Sabine Mittelhammer, war die Mutter aller freiberuflichen Frauen im Kulturbetrieb. Und ihr Trick war einfach: ‚Sie war die Erste, die sich auszog.‘ Mittelhammer identifiziert sich mit der Tänzerin, Hochstaplerin, Spionin, einer Frau, die sich verkaufte, um unabhängig zu sein – was für ein Widerspruch. In ‚The Best Of Mata Hari‘ erzählt sie am Donnerstagabend im Figurentheater Fitz davon – in einem einstündigen Spiel mit Masken und Gebrauchsgegenständen.

Figur und Spielerin bespiegeln sich: Als die Tänzerin und Doppelagentin 1917 vor dem Erschießungskommando steht, trifft jede Kugel auch die Künstlerin des 21. Jahrhunderts: ein abgelehnter Förderantrag, die lädierten Stimmbänder, die Alltagssorgen, das Leben für den Beruf. Die Puppenspielerin bricht zusammen, auf der Bühne flackert eine stroboskopische Mata Hari, ein fröhliches Lied erklingt: ‚Genieße dein Leben, verschenke keinen Augenblick.‘

Tilla Kratochwill hat Sabine Mittelhammers Trotzstück einfallsreich inszeniert: Mittelhammer spielt vor einer fünfteiligen Stellwand. Sie führt – als Schatten – die Tänze der Spionin auf, schaut aus einem Bild hervor, das ihr den Körper der Mata Hari gibt, eine historische Fotografie in SchwarzWeiß.

Sie verwandelt sich großartig komisch in einen Offizier, einen Liebhaber, dem ein Bärtchen auf der Lippe klebt und die Zunge heraushängt. Oder in einen Herrn mit Pickelhaube, der Mata Hari als Spionin anwirbt. Sabine Mittelhammer präsentiert ihre Show mit Witz, Wut und beachtlicher Energie: ein sehr kurzweiliges Lamento.

Auch die zweite Dame des Abends arbeitet freiberuflich, aber sie ist in die Jahre gekommen: Sie hat ein zerfurchtes Gesicht, schwarze Ringe um die Augen, dick geschminkte Lippen. ‚Die Gräfin‘ heißt das Stück, das Stefanie Oberhoff im Anschluss an ‚The Best Of Mata Hari‘ im Fitz spielt.

Sie sitzt auf einer roten Couch und raucht, eine uralte Diva, die stänkert und von sich schwärmt, während sie mit dem Glimmstängel wedelt. Unterm Tisch sitzt die Musikerin Lilith Becker mit bemaltem Gesicht – sie spielt Orgel, Akkordeon, wunderbar trocken, pointiert, launisch und schweigend.

‚Ich will mich nicht auf das Dasein einer Puppe reduzieren lassen!‘, schimpft die Gräfin mit rauer Stimme. Stefanie Oberhoff leiht ihr diese Stimme, sie steht hinter ihr, mit geschwärztem Gesicht, und führt die Drähte, an denen die Gräfin hängt – aber das ist nicht wichtig, findet die Gräfin: ‚Sie wollte im Hintergrund bleiben!‘

Nebenan gibt es einen kunterbunten Merchandising-Stand mit selbst geschnitzten CDs, viel Kunst und Gin. Weit davon entfernt, sich zur Ruhe zu setzen, sucht die Dame nach einem Galeristen, mit der ‚Art Karlsruhe‘ will sie sich nur am Anfang zufriedengeben.

‚Neue Strategien zur Weiterentwicklung der Menschheit‘ ist der Abend, bei dem Samuel Beck Regie führt, dadaistisch unterschrieben. Verwirrende Themenschwerpunkte werden angekündigt, irgendwann holt die Musikerin Bohrmaschine und Stichsäge hervor. Die Späne rieseln herab, als sie ein Loch in den Boden vor der Gräfin sägt. Dort steigt das Skelett eines zweigeschlechtlichen Meerschweinchens auf, tanzt und verabschiedet sich mit einem Knicks. Lilith loopt Knallgeräusche und loopt ihr Akkordeon, zum schrägsten Soundtrack singt die Gräfin einen Hit von ‚New Order‘.

Selbstverständlich gibt es eine Zugabe, und die geschnitzten CDs kommen mit einem Downloadcode: hinreißender Blödsinn, unschuldig und gemein.