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Funde aus dem Fundus

erschienen am 12.10.2019 in StZN
von Brigitte Jähnigen

Das Fitz zeigt zwei Stücke in der Tradition der Spieler Fritz Herbert Bross und Albrecht Roser.

Wer führt die Welt? Politiker, Terroristen, Gott- und Sinnsucher? Im Fitz ist es das Figurentheater Tübingen, dessen Spieler Puppen mit menschlichen Charakteren an Fäden führen. „Strings up!“ hieß es am Donnerstagabend zur Premiere. Der alte General befielt wieder. Die überdimensionierte rechte weiße Hand von einem Figurenspieler geführt, erteilt er Befehle, schickt exerzierende Soldaten in den Tod, verlässt mit herrischer Geste den Raum. Ein kleinerer, nicht minder machtbewusster Soldat wird seine Rolle weiterleben. Hat nicht eben noch ein Straßenfeger symbolhaft die Scherben des letzten Krieges weggefegt? Hat nicht eine madonnenhafte Mutter mit Wickelkind als allegorische Mahnung das Publikum ergriffen?

Ihre Klage ist stumm; stattdessen berühren Violinentöne aus einer Vivaldi-Neukomposition von Max Richter. Was hindert Menschen (für die die Figuren in der Inszenierung „Totentanz recomposed“ agieren), die Spirale von Gewalt und Tod für immer zu unterbrechen? General, Straßenfeger und Mutter sind restaurierte Marionetten des Ausstatters, Regisseurs und Figurenbauers Fritz Herbert Bross (1910-1976).

Ungewöhnlich ist die Spielweise der Marionetten durch das Einhand-Spielkreuz. Ungewöhnlich ist auch ihre feine Optik in nostalgischer Anmutung. Wiederentdeckt wurden sie neben anderen Puppen im Nachlass des Puppenspielers Albrecht Roser (1922-2011), einem Schüler von Bross.

Die Sichtweise auf die Theaterfigur hat sich seit den fünfziger Jahren verändert. „Unsichtbare“ Spieler, die schwarz gekleidet stumm ihre Puppen führen, treten kaum noch auf. Stattdessen sind sie im offenen Dialog mit Figuren und Objekten. Für „Strings up!“, zwei nonverbale Stücken, hat sich das Figurentheater Tübingen in der Regie von Frank Soehnle (er ist wiederum ein Schüler Albrecht Rosers) im ersten Teil für drei Spieler in schwarzem Cut und mit Melone entschieden.

Unaufgeregt führen Hanna Malhas, Leonhard Wanner und Frank Soehnle die Figuren, „dienen“ ihnen in vornehmer Weise. Ihr Respekt hält sie aber nicht davon ab, Marionetten wie „Flittchen Cissi“, oder „Zigarre Krause“ episodenhaft in zirzensischen Darbietungen, Kriminalgeschichten und anzüglichen Liebeleien vorzuführen. Ein unterhaltsame Abend mit Tiefe vor allem im zweiten Teil.