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Gespenster sind sie alle

erschienen am 28.11.2000 in Braunschweiger Zeitung
von Jens Hinrichsen

Der Dänenprinz ist nicht totzukriegen. Während Ethan Hawke gerade im Kino als Hamlet 2000 durch Konzernflure der Helsingör-Corporation läuft, präsentiert das Figurenfestival eine preisgekrönte Fassung des Dänendramas als morbides Puppenspiel.

„Exit“, die „Hamletfantasie“ der Companie Wilde & Vogel, wird im Braunschweiger LOT-Theater von zwei Menschen entfesselt. Charlotte Wilde steuert am Bühnenrand mal aggressive, mal melancholisch abgebrochene Klänge bei, während Michael Vogel als Hamlet im (meist spärlichen) Rampenlicht steht Der Rest ist Puppenspiel, hochvirtuoses Spiel in Licht und Schatten, mit Fäden und Stricken, Schädeln und Stofffetzen. All das zieht Vogel aus den Tiefen unter der beschränkten Spielfläche eines wackligen Bretterquadrats hervor. Textfragmente von Shakespeare, der Chronologie entrissen gleichsam am seidenen Faden hängend, irrlichtern durch die Performance.

Entsinnen wir uns der Geschichte: Hamlet trifft den Geist seines Vaters, der ihm das Geheimnis seines plötzlichen Todes zuflüstert. Am Schluss sind alle tot: Claudius, der den eigenen Bruder ermordete, Königin Gertrud, die den tückischen Schwager heiratete, der tumbe Haushofmeister Polonius, seine schöne Tochter Ophelia – alle.

In Michael Vogels Fassung scheint Hamlet selbst einmal davongekommen zu sein. Nur, vor den Leichen im Keller gibt’s kein Entrinnen, zumal die morsche Bretterbühne dem armen Dänenprinzen so manche Stolperfalle bietet. No exit.

Wie unter Zwang muss dieser Hamlet mit den klapprigen Überresten der Figuren die Geschichte noch einmal zum Leben erwecken. In verblüffender Bauchrednerschizophrenie wechselt Michael Vogel blitzschnell vom zumeist verängstigten Hamlet zum gespenstischen Gegenüber. Wenn’s nicht sogar zwei Wiedergänger sind, die ihn in den Schwitzkasten nehmen.

Gespenster sind sie alle: Gertrud als vergreistes Klappergestell, eine ihren Sohn auch körperlich überragende Übermutter. Claudius als geschrumpfter Klabauterkopf mit den Zügen einer Karikatur von A. Paul Weber. Bedrohlich wächst er empor, wenn der im weißen Tuch kostümierte Michael Vogel ihm den Körper leiht Geradezu nekrophil wirkt die zarte Szene, in der er seiner geliebten, aus einem Leichentuchbündel gewickelten Ophelia nasskalten Liebreiz abtrotzt. Am Schluss überlässt er die leblos Lächelnde einer Todesvogel-Marionette.

Das Stück stürzt nicht in bodenlosen Grusel ab, weil Vogel es immer wieder mit Comic Relief aufzulichten versteht. Witzig zum Beispiel das Stück im Stück, das in der Originalhandlung bekanntlich so katastrophal-beschleunigende Wirkung entfaltet Hier lässt der Puppenvirtuose vor dem inszenierten Mord einen tattrigen König für Lacher sorgen – und bei jeder Wendung des Kopfes lässt Begleiterin Charlotte Wilde die Wirbel knarzen. Die Szene empfiehlt sich als Kabinettstück für jede „Hamlet- Inszenierung auf der großen Bühne; immerhin hat Vogel durch seine Mitwirkung an einer Stuttgarter „Turandot“ auch da schon Erfahrung. Dem 15. Figurentheaterfestival setzen Wilde & Vogel jedenfalls einen düster schimmernden Glanzpunkt auf.