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Getanzte Evolution

erschienen am 13.06.2015 in Stuttgarter Nachrichten
von Anne Abelein

Drei große Kränkungen musste der Mensch laut Freud erleiden: dass die Erde nicht im Zentrum des Universums steht, dass der Mensch aus dem Tierreich entstanden ist und dass es das Unbewusste gibt. Um die zweite Kränkung dreht sich ‚Der Zoo in uns‘ der Figurenspielerin Iris Meinhardt, des Regisseurs Michael Krauss, des Videokünstlers Oliver Feigl und des Komponisten Thorsten Meinhardt, das am Donnerstag im Fitz in Stuttgart Premiere hatte.

Es ist das zweite Stück der Serie ‚Katalog der großen Kränkungen der Menschheit‘. Als ob es der Kränkungen nicht genug wären, wollen die vier Künstler, die sich kurz Meinhardt Krauss Feigl nennen, auch noch die Überwindung des Menschen durch die Technik hinzufügen. Technik ist aber auch an diesem Abend unverzichtbar: Für die vier Tänzer (Yahi Nestor Gahe, Luis Hergón, Iris Meinhardt und Sawako Nunotani) wurde ein Video-Tracking-System entwickelt, das netzartige Formen auf die Körper projiziert, welche die vier über Bewegung steuern und verändern.

Zu einem Soundmix elektronischer Klänge und Vogelstimmen vom Chinasittich bis zur Singdrossel vollziehen die Tänzer die Evolution nach. Sie breiten ihre Arme wie Seeanemonen aus und stellen vogelartig mit den Köpfen ruckend und wie Spinnen krabbelnd Flora und Fauna nach. Äußerst suggestive Chimären aus Tänzerkörpern und Projektionen entstehen. Im Hintergrund werden Gattungsnamen eingeblendet, wie ‚Eukaryont‘. Später legen sich die Tänzer Affenmasken an, zuletzt richten sie sich auf. Wie sie augenzwinkernd in einer revueartigen Tanzeinlage demonstrieren, unterscheiden Tanz, Musik und Sprache den Menschen vom Tier.