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Göttlicher Heidenspaß!

erschienen am 12.03.2006 in Berliner Zeitung

„Es spricht sich schlecht, der Kopf ist ab, was ist passiert?“, fragt man sich im Reiche Asgard. Mimir, der weise Riese wurde geköpft, nachdem Odin, Oberhaupt des Göttergeschlechts der Asen, zum Preis eines Auges von der Quelle des Wissens getrunken hat. Doch dem Gott des Krieges, der Weisheit und der Magie wird auch der letzte kühne Deal nicht helfen. Denn das Unausweichliche ist nicht korrumpierbar und das Schicksal läßt sich kaum wie ein Werkstück drehen und wenden. Im Puppentheater „Die Schaubude“ schmieden das Stuttgarter Figurentheater Paradox und die Berliner Theaterfusion (Spiel: Stephanie Rinke, Susanne Olbrich) mit „Odin“ in 100 Minuten ein fulminantes Stück über germanische Mythologie.

Die Bühne ist ein Weltenlaboratorium. Ein Leuchttisch in der Mitte wird zur inneren Bühne, auf der sich das globale Geschehen einer heute relativ klein anmutenden Welt konzentriert. Hier lokalisieren sich Allvater Odins Schlachtfelder: das kriegerische und das der philosophischen Erkenntnis.

Trolle, Riesen, Menschen und Zwitterwesen, sogar die Zeit an sich, sind seine Gegner. Der Fenriswolf, sagen die Seher, wird Odin verschlingen. Im Totenreich Walhall will Odin seine Krieger wieder erwecken. Doch hier erscheinen die Helden wahrlich „im Eimer“. Die Asen-Söhne vernebeln sich den Blick mit Joints und Bier und grüßen mit „Give me five“.

Die Spielerinnen nehmen ihre Figuren behände und sanft-sensibel, leihen ihnen Gestus und Stimme, werden selbst mythische Charaktere und greifen erzählend in die Story ein. Sie führen die Puppen in offenem Spiel mit den Händen, während ein professioneller Geräuschemacher (Max Bauer) in allen Varianten von Poesie bis Katastrophe agiert. Tragikomische Untergangsironie und ein göttlicher Heidenspaß!