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Grässliches Leben, grässliche Stadt

Fantastische Premiere von Spleen - Charles Baudelaire: Gedichte in Prosa im Stuttgarter Fitz
erschienen am 28.10.2006 in Esslinger Zeitung
von Petra Bail

Stuttgart – Verlorene Gespensterseelen zelebrieren grotesk-erotische Tanzbewegungen. Ein klappriges Skelett schmiegt sich anrührend am Spieler hoch, der feengleiche Tod hechelt mit hängender Zunge den eigenen sinnlich-lasziven Bewegungen hinterher. Überdruss, Trübsinn und Langeweile prägen dieses illusionslose Konglomerat von rauschhafter Lebensgier und triebhafter Todessehnsucht, das Charles Baudelaire in seinen Prosagedichten „Der Spleen von Paris“ beschreibt. Das Figurentheater Wilde & Vogel setzt diese Tristesse des Großstadtdaseins in der Regie von Hendrik Mannes mit klarem Zeitbezug unbedingt sehenswert um. „Spleen“ hatte unter großem Beifall des Publikums im Stuttgarter Fitz Premiere.

Schwerelose Darbietung

Schwerer Stoff, dröge Geschichte, denkt man im ersten Moment – und ist um so verblüffter von der schwerelosen Darbietung und dem meisterhaft-leichten Spiel Michael Vogels, der teilweise drei Figuren gleichzeitig ihre denkwürdigen Bewegungen vollführen lässt. Das Niederdrückende von Baudelaires skizziertem Großstadtscheitern ist gemildert, die Zeichen von jetztzeitlicher Entmenschlichung und herrschender Dekadenz werden in Figuren und Live-Musik von Charlotte Wilde deutlich spürbar.

In feinen Klang-Nuancen unterstreicht die eigenwillige Theatermusikerin mit elektronisch verstärkter Gitarre und Geige die lebensüberdrüssigen Grotesktänze der froschmäuligen Endzeitgestalten mit ihrem giacomettihaften Charme. Eine emotionslose Kinderstimme aus dem Off erzählt vom „grässlichen Leben in einer grässlichen Stadt“, beschwört den Bruderkrieg um ein Stück Brot und das willkürliche Zerstören kleinbürgerlicher Existenzen. Die dünnen Figuren mit den übertriebenen Körperproportionen sind Verlorene im urbanen Moloch, Einsame in der Masse, wenn sie sich traumwandlerisch durch die Seelenzustände der Großstadtbewohner tasten „für eine Sekunde der Lust“: Mondsüchtige unter sich.

Schönheit des Verderbten

Mord und Totschlag auch im Kasperletheater: Die kakaduhaften Chimären und kleinen Teufelskerle sind Fingerpuppen, die sich im alltäglichen Existenzkampf gegenseitig durch die Mangel drehen. Wo bleibt die Moral, wenn nur Verderbtes noch Schönheit besitzt? In vielen magischen Momenten stellt Vogels Spiel den Bezug zur Moderne her. Mit fantasievollen Figuren, Masken und Frauentorso finden Perspektivenlosigkeit, verstörende Schönheit und Blasphemie in Songs und Miniaturen fesselnden Ausdruck. Eros und Tod halten einträchtig Händchen, wenn die verlorenen Seelen verzweifelt Halligalli tanzen.