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Grandioses Figurentheater

„Orlando" im Häfler Kiesel
erschienen am 12.10.2009 in Südkurier
von Andrea Fritz

Wie wenig es doch braucht, um auf faszinierende Weise in nur 90 Minuten alles zu er zählen, was in den 459 Jahren seit 1550 geschehen ist, inklusive gesellschaftlicher Umbrüche und der hyperbiografischen Travestie von Virginia Woolfs Romanfigur „Orlando“: Ein paar alte Wolldecken, zwei, drei Puppen, diverse historisch anmutende Kostümfetzen und – ganz wichtig: Anne-Kathrin Klatt. Ohne diese wunderbar präzise Puppen- und Schauspielerin hätten am Freitagabend im Kiesel alle Requisiten weiter ihr lebloses Dasein gefristet.

Sie hat ihren Körper der jugendlichen Figur des 16-jährigen Orlando geliehen. Aber noch viel mehr: Sie verwandelte auch den großen Klumpen grauer Armeedecken so glaubhaft in den feisten Körper der greisenhaften, aber ausgesprochen lüsternen Königin Elisabeth, dass die Zuschauer im Kiesel lachend schauderten, als der Jüngling Orlando in der wollüstigen Masse untertauchte. Kurz darauf fröstelten dieselben Beobachter, weil die Wolldecken sich in Eisklumpen auf der reißenden Themse verwandelt hatten. Orlando, als Ex-Geliebter der verstorbenen Königin nicht nur jung, sondern auch reich geworden, landete bei den Frauen. Nur die moskowitische Prinzessin Sascha hat sich seinem Werben furios entzogen. Mit einem Fuchspelz um den Kopf gewickelt, fegte die große Mime durch alle Stimmlagen der russischen Seele. Orlando, gelangweilt, fing an rauschhaft Dutzende Bände mit belangloser Dichtung zu füllen, während seine eigene Biografie von einer Stimme aus dem Off erzählt wurde. Aber nur so lange, bis eine dürre Figur mit altjungferlicher Mine und gepunktetem Faltenrock die Bühne in Manier der Ravensburger Puppenkiste betrat. Die etwa ein Meter große Virginia Woolf, deren hölzerne Hakennase von einem leicht verfilzten Pagenkopf eingerahmt schien, nahm seelenruhig den Fünfuhrtee und begleitet dann am Bühnenrand, als Biografin, die grandios umgesetzte Verwandlung Orlandos in eine Frau.

Im Roman muss Orlando dafür sieben Nächte schlafen, Anne-Kathrin Klatt brauchte auf der Bühne nur sieben Minuten. Dann war der Gips auf ihrem nackten Körper trocken und gab bröselnd die Frau darunter preis. Die Verwandlung bereitet Orlando Mühe, widerstrebend, wie die Geigen klänge, die jetzt aus dem Off ertönten, kroch sie in ein zartes, hautfarbenes Kleid und damit in ihre Weiblichkeit. Grad so, als wüsste sie um das dringliche Werben des alten Herriet, der als Gummifrosch an zwei Schnüren an ihrem Dekollete buhlte und um Seemann Marmaduke, den sie auf der Suche nach dem Leben erst heiratete und dann am Kap. Hörn verlor. Angekommen im Heute, werden Zeilen, die Nicholas Green einst noch von Orlandos Hosenladen aus verspottet hatte, zu beachteten Werken. So wie Klatts Vorstellung, die im Kiesel mit Beifall stürmen belohnt wurde.