Springe zur Navigation

„Hamlet“ als Genuss für alle Sinne

erschienen am 26.05.2005 in WZ Westdeutsche Zeitung
von Frank Becker

Brillante und amüsante Vorstellung des Figurentheaters Wilde & Vogel im Bürgerhaus Langenberg

Velbert-Langenberg. Wer es nicht gesehen hat, kann einem leid tun. Die jungen Damen und Herren der Englischkurse des Langenberger Gymnasiums werden es bestätigen, denn so unterhaltsam ist ihnen klassisches Theater sicher noch nicht vermittelt worden. Als Einstimmung zu Shakespeare taugte “Exit – Eine Hamletfantasie“ des Figurentheaters Wilde & Vogel sicher mehr als ein trockenes Reclam-Heft. Die 80 Minuten waren ein einziger Genuss für alle Sinne – Bilder, Klänge und Stimmungen Balsam für die vom täglichen Elektronik-Stakkato misshandelte Wahrnehmung.

Michael Vogel erwies sich mit den selbst entworfenen und gebauten Figuren als genialer Schauspieler und Illusionist, ein Puppenspieler, dessen Geschöpfe zwischen zehn Zentimeter und Lebensgröße in jedem Moment zwischen Zigarrenschachtel-Theater und großer Bühne Fleisch und Blut sind – Existenzen, die zwischen Wirklichkeit und Spiel die Grenzen verschwimmen lassen. Vogels dramatisches Solo in fast einem Dutzend Rollen wurde musikalisch- akustisch kongenial von Charlotte Wilde begleitet, die an der E-Gitarre mehr als nur Interpretin eigener Musik und bekannter Stücke wie „Danny Boy“ ist, das als Ophelias Thema zum mächtigen Grabgeläut wird. Die Gitarre ist als Soundtrack, Geräuschmaschine, Überleitung und Background Teil der Inszenierung von Frank Soehnle.

Hamlet also. Eigentlich ist alles vorbei, die Knochen der Beteiligten des Königsdramas vermodern längst, wie eine an der Schädelstätte vorbeigezogene Glühbirne ausleuchtet, als der Totengräber (eine Inkarnation beißenden Humors mit kluger Weltsicht) über den Fund eines Schädels gemeinsam mit dem untoten Hamlet die alte Geschichte wieder aufrollt. In einem unglaublichen Spektakel von artistischer Vollkommenheit und literarischem Witz wird Shakespeares Story mit Chuzpe und Eleganz, vor allem aber mit überbordender Fantasie nachgestellt.

Das schräge Bühnenpodest birgt dabei unerschöpflich scheinende Geheimnisse und Überraschungen. Michael Vogel taucht ein, verwandelt sich, führt Charaktere ein und auf und leistet im Wechsel englischer und deutscher Texte und in punktgenauer Abstimmung mit Musik und Licht Unglaubliches. Ob er Hamlets Mutter „When I Fall In Love“ singen lässt, in einem vergoldeten Bilderrahmen Theater auf dem Theater zelebriert oder mit perfekter Körpersprache die Ermordung von Hamlets Vater und die Übernahme der Macht durch den Mörder darstellt – Vogel ist brillant, die Vorstellung ein Kraftakt. Großes Amüsement – Hut ab vor dieser Leistung!