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Hamlet als Psychotraum

erschienen am 05.03.2007 in Potsdamer Neuste Nachrichten
von Henri Kramer

Shakespeare als genial-verwirrter Gedankengang kurz vor dem Aufstehen: Was am vergangenen Freitag und Samstag bei „Exit. Eine Hamletfantasie“ auf der Bühne des T-Werk geboten wird, ist psychedelischer Traum statt Werktreue. Denn Regisseur Frank Soehnle setzt bei seinem Stück nicht auf den eigentlichen Inhalt der Shakespearschen Tragödie um die Rache von Hamlet am Tod seines königlichen Vaters: Vielmehr lässt er die Figuren von damals noch einmal auferstehen und als Untote das Drama probieren. Dabei verzaubert Soehnle die Zuschauer besonders mit der Ausstattung seiner expressionistisch anmutenden Fantasie.

Denn Soehnle setzt nur auf einzelne unzusammenhängende Ausschnitte aus dem „Hamlet“-Werk, die sich erst am Ende wieder zu dem berühmten Stück zusammenfügen. Der Zuschauer kann sich dabei vor allem an der Opulenz der Inzenierung ergötzen: Das Stuttgart-Leipziger Figurentheater-Team „Wilde & Vogel“ zaubert besonders durch die allesamt selbst hergestellten Puppen eine ganz eigentümliche Stimmung in den Theater-Saal.

Da ist einmal ein Mini-Fledermaus-Drache, der sich an einer Leiche gütlich tut. Sanft spielt dazu eine Gitarre, der Vogel wirkt in seiner Hässlichkeit morbide-schön, sein geworfener Schatten erst recht. Oder am Anfang: Da tritt eine dem Gesicht nach den altertümlichen Schnäbel-Pestmasken nachempfundene Handpuppe auf, die einen Totenkopf streichelt. „Was für ein hübscher Bursche“, sagt die Pestpuppe – auf englisch. Denn das rund 70-minütige Stück ist zweisprachig. Die langen englischen Passagen erschweren neben der sowieso unzusammenhängenden Handlung das Verständnis. Doch was für andere Aufführungen der sichere Tod wäre, ist im T-Werk anders: Denn lässt sich der Zuschauer auf die Fetzen-Collage ein, ist die neue Shakespeare-Sicht erfrischend.

Das liegt auch an der wunderbaren Musik des Werks. So tanzt der einzige Darsteller Michael Vogel einmal mit einer lebensgroßen Frauenpuppe, die ein kostbares rotes Kostüm trägt. Dabei wird er von einer effektvoll eingesetzten E-Gitarre von Charlotte Wilde begleitet, manchmal laut gedreht bis zur Schmerzgrenze. Es sind solche Passagen, die der Aufführung ihren surrealen Charakter geben. Und nicht zuletzt lebt die Hamlet-Exit-Fantasie vom Können des Hauptdarstellers. Michael Vogel spielt meist zwei Charaktere auf einmal: Sich selbst als Hamlet, dazu eine Puppe. Und immer wenn die Puppe spricht, dreht er sich so zum Publikum, dass sein Mund nicht mehr zu sehen ist. Dann wieder antwortet er mit anderer Stimme und sichtbaren Mund. So entstehen verblüffend-dynamische Dialoge.

Gerade wegen dieser Leistung wird der 20. und 21. April im T-Werk spannend: Dann sind „Wilde & Vogel“ mit „Toccata“ im T-Werk und inszenieren Tagebuchaufzeichnungen des Musikers Robert Schumann. Sie versprechen dafür ein Spiel mit „Identitäten, Ahnungen, Begnungen mit Fantasiewesen, Spukgestalten und Doppelgängern“. Klingt wie die Hamlet-Fantasie: Eine freche, mitreißende Art, Theater neu zu interpretieren.