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Hamlet gibt seine Seele ab

erschienen am 29.05.1998 in Bochumer Anzeiger
von Almut Steineke

Den Augenblick auskosten. Den Augenblick abtasten, Minute für Minute, und dabei ist die Dauer gar nicht zu spüren: Das Stück „Exit – Eine Hamletfantasie“ des Figurentheaters Wilde & Vogel fängt den Zuschauerblick wie ein Bühnenmagnet.

Was ist die Handlung?  Die Handlung könnte streng chronologisch erzählt werden, denn das Stück in der Zeche Eins, im Rahmen der Figurentheatertage „Fidena“, lehnt sich an das Shakespeare’sche Trauerspiel „Hamlet“ an. Aber viel wichtiger als die klassische Textvorlage ist das, was Regisseur Frank Soehnle mit Michael Vogel und Charlotte Wilde aus dem alten Theaterstoff gemacht hat. Soehnle inszeniert Begegnungen zwischen Gedanken und Gefühlen, zwischen dem zahlreichen Publikum und dem ausdrucksstarken Akteur.

Michael Vogel ist Hamlet, ein Stück Mensch, übriggeblieben von dem Auf und Ab seiner Gefühle, in denen er in der Tragödie seines Lebens um seinen toten Vater trauerte, seinen Onkel verfluchte, seine Mutter verdammte. Einer, der die eigene Seele abgegeben hat und der jetzt nur noch guckt. Einer, der seine Vergangenheit rekapituliert.

Auf diesem eineinhalbstündigen Rückwärtstrip trifft Hamlet die nunmehr verwesten Menschen in Puppengestalt, die ihn in seinem Schicksal einst umgaben; in teils zarten und leisen, teils gewaltigen Begegnungen. Vogel beweist mit seiner Solointerpretation der charakterlichen Rollenvielfalt eines klassischen Dramas, sowohl als Mensch, als auch als Puppenspieler, den Reichtum seiner schauspielerischen Persönlichkeit. Charlotte Wilde begleitet ihn dazu auf E-Gitarre und mit unterschiedlichen Geräuscheffekten. Die beiden ergänzen sich zu einer darstellerischen Einheit, die ihn erlebbarwerden läßt – den kostbaren Augenblick im Theater, den man abtasten kann. Ohne seine Dauer zu spüren.