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Hübsch Vaterland

erschienen am 06.06.2009 in
von Elke Eberle

Stuttgart – Eine neue Definition von Heimat entwerfen Frank Soehnle, Karin Ersching und Georg Peetz in dem Stück „Heimat.abend“ nicht wirklich. Der Begriff wurde in den vergangenen Jahren viel diskutiert, von Soziologen und Philosophen, von Schriftstellern und anderen Künstlern. Umso erstaunlicher ist die Leichtigkeit, mit der sich das Ensemble im Stuttgarter Kulturareal unterm Tagblattturm diesem mit ungeliebten Altlasten beladenen Thema nähert. Es erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit und zeigt ein buntes Potpourri, was einem Heimat sein kann – oder eben gerade nicht.

So ist das mit der Verwandtschaft: Heinz ist vergrault, der Hirsch verzehrt, der Hof verkauft und Helga verschwunden. Das Treiben auf der Bühne ist bunt, turbulent und witzig, aber alles andere als nur nett oder gar harmlos. Es ist Reizüberflutung pur, wenn drei Akteure gleichzeitig mit den unterschiedlichsten Accessoires auf der Bühne hantieren. Wenn der eine psalmodierend seine Einsamkeit zelebriert und die anderen nebenbei die Puppen tanzen lassen oder Eheringe und Hochzeitsschuhe im Aquarium versenken. Doch genau so entstehen starke Bilder, die zeigen, dass Wahrnehmung immer eingeschränkt ist und subjektiv, dass jeder immer nur einen Ausschnitt von dem sehen und gar erkennen kann, was ihn umgibt – und eben auch jeder seinen ganz eignen Begriff davon hat, was Heimat für ihn sein kann.

Patriotisches ABC

In ihrem Heimatarchiv „ABC der Heimat“ ist manches – absichtlich – durcheinander geraten, anderes fehlt ganz. Es gibt die Szene W wie Wärme zum Beispiel, in der ein Schafskopf bei Kerzenschein und Spieluhrmusik sein Püppchen ins Schaffell bettet. Oder K wie Konformität, in der ein Schwarzwaldmädelpüppchen aus ihrem Plastik-Korsett ausbricht und singend und tanzend anderen ihr Glück vor die Nase setzt, dabei aber nur Bruddeleien erntet und natürlich keine Nachahmerinnen findet. So werden immer wieder anders Begriffe wie Wandern, Tanz und Gestank oder Verwandtschaft erarbeitet, und es wird eine quasimathematische „Heimatformel“ entworfen: „Mensch durch Ort“ ist die „Wurzel aus Nest“ und die „ist gleich Heimat“.

Herrlich jene Szene, in der das Trio aus Fuchsfell, Schwanz und Hirschgeweih einen Wolperdinger zum Leben erweckt oder die Schwarzwaldmädels in Formation rocken lässt. Auch Soldatenlieder erklingen zwischendurch, misstönend anheimelig, wobei die Gewohnheit als Wattedecke entlarvt wird, die alles hübsch ruhig macht – und Hübschheit sei schließlich die Quelle der Vaterlandsliebe.fühle kommen und gehen

Ersching, Peetz und Soehnle agieren auf unterschiedlichen Ebenen, mit kleinen Figürchen und großen Masken, mit Videos und vielen Accessoires. Jeder der drei Schau- und Puppenspieler wirkt absolut präsent. Die Heimat der Akteure scheint die Bühne, hier haben sie sich eingerichtet mit ihren Terrarien und ihrem besonderen Nippes. „Augenblick verweile doch“, möchte man ihnen ein ums andere Mal zurufen. Doch die temporeiche Inszenierung lässt keine Zeit zum Durchatmen, die Uhr tickt, und Heimatgefühle sind genau so schnell verflogen, wie sie entstehen können.