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»Ich mag die Disneyfizierung nicht«

Regisseur Hendrik Mannes über seine Produktion »Songs for Alice«, die das Figurentheater Wilde & Vogel im Westflügel zeigt.
erschienen am 09.09.2011 in kreuzer, leipzig
von Tobias Prüwer

Folge dem weißen Kaninchen« – Lewis Carrolls »Alice im Wunderland« ist weit mehr als ein Kinderbuch. Es ist ein Text mit doppeltem Boden, satirischen Anspielungen und einem Kabinett voller Zerrspiegel. Der Stoff scheint wie gemacht für das Figurentheater Wilde & Vogel, das schon mit »Spleen« Charles Baudelaires Fantasien in Gestalt von Froschgesichtern über die Bühne flanieren ließ. Damals wie heute führt Hendrik Mannes Regie.

kreuzer: »Alice« wurde zigmal verfilmt und auf der Bühne gezeigt. Was können uns Grinsekatze, Hutmacher und Co. noch erzählen?

HENDRIK MANNES: »Alice« ist ein Spiel mit der Sublimierung. Der 30-jährige Lewis Carroll erfand die Geschichte für die siebenjährige Alice Liddell und ihre Schwestern während einer gemeinsamen Bootsfahrt auf der Themse. Carroll war in Alice Liddell verliebt. »Alice im Wunderland« ist das Brainstorming eines unerfüllbaren Begehrens. Dessen Ausgeburten sind nicht immer angenehm. Der Umgang mit Rhetorik und gesellschaftlicher Maßregelung im Text ist witzig und anarchisch, aber auch monströs.

kreuzer: Schürt der Stoff nicht die Erwartung an eine Disney-Anlehnung?

MANNES: Ich mag die Disneyfizierung der Welt nicht. Trotzdem ist sie ein interessanter Spiegel ihrer jeweiligen Epoche. An den alten Disney-Bearbeitungen überrascht immerhin ihre manchmal schon sadistische Boshaftigkeit. Die neue Version von Tim Burton ist ein hirnloser Quark, dem jede Verbindung zur ursprünglichen »Alice« fehlt. Michael Vogel hat ein wunderbar räudiges weißes Kaninchen gebaut. Es ist unique. Eigentlich ist es eher ein Hase. Der Hase gibt uns die ästhetische Linie vor.

kreuzer: »Alice« ist ein Spiel mit Logik und klassischer Erzählweise. Fließt das in Ihre Inszenierung ein?

MANNES: Das Spiel mit der Logik wird in der literarischen Vorlage exzessiv betrieben. Stellenweise ist das entzückend. Mindestens genau so oft geht es einem auf die Nerven. Dazu kommt das hartnäckige Rezitieren von Nonsensfassungen alter Gedichte und Balladen. Ich kann jetzt noch nicht sagen, wie viel davon bei uns übrigbleiben wird. Erwarten darf man eine deutliche Akzentuierung der Musik. Die Aufführung wird eher die Struktur eines Konzerts haben, Figurentheater und klassische Erzähldramaturgien werden darin als Versatzstücke gehandhabt. Der Titel »Songs for Alice« spiegelt den Grundgestus. Vorstellbar ist, in dezenter Revueform, eine Art theatrale Neuauflage des Minnegesangs. Carroll war ja ein großer Verliebter. Es wird unsäglich.