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Ich sind viele

Iris Meinhardt mit ihrem Stück „Intimitäten" im Stuttgarter Fitz
erschienen am 05.11.2005 in Esslinger Zeitung
von Hannes Kern

Stuttgart – Auf der großen Leinwand ist ein überdimensionales Auge zu sehen. Die Frau, im Vergleich dazu verschwindend klein, steht davor und zieht das Lid nach unten. Die Illusion ist perfekt. Die Schauspielerin Iris Meinhardt vermengt in ihrem neuen, von ihr selbst gespielten Stück „Intimitäten“ im Stuttgarter Figurentheater (Fitz) Märchen, Tanz, Videosequenzen und Liveaufnahmen zu einer Ausdrucksform, in der sich Schein und Sein überlagern, ergänzen und miteinander verschmelzen. Was ist wirklich wirklich?

Was ist Wahrheit?

Die Solo-Figur des Stücks, eine anonyme Frau, fährt mit einer Mikrokamera über ihren Körper, unter ihren Rock, in Ohr und Nase. Das Verborgene wird nach außen gekehrt. In der nächsten Sequenz wird der Körper selbst zur Projektionsfläche, auf der ein überdimensional sprechender Mund oder eine nackte Frau zu sehen sind. Iris Meinhardt will die Wahrheit darstellen, „in einem Märchen verkleidet“. Was aber ist Wahrheit, was ist der Mensch? „Weiß jemand, wer ich bin?“, fragt die Frau und begibt sich auf die Suche nach dem wahren Ich. Ein kompliziertes Unterfangen, denn es gibt viele verschiedene Ichs: „Manche sagen, es gibt 2052 davon, die wie Teller übereinander gestapelt sind.“ Die Ichs melden sich unterschiedlich zu Wort, tauchen aus der Tiefe des inneren Raumes auf. „Ein Ich kommt nur, wenn man ihm ein Glas Wein verspricht, eines kommt nur, wenn Frau Lehmann nicht da ist“, beschreibt die Akteurin die Komplexität der menschlichen Seele und kommt zur Feststellung., dass sich genau „das Ich fernhält, das sie am meisten brauchte“, während ein anderes, auf Selbstdarstellung erpichtes an die Oberfläche drängt.

Das Abbild muckt auf

Iris Meinhardt bewegt sich gewandt und synchron zu ihrer eigenen Projektion, streitet mit ihr oder umarmt sie. Das Abbild spielt der realen Person Streiche, ist mal ganz nah und dann wieder fern. Meinhardt wechselt geschickt zwischen ernsthaftem und humorvollem Ausdruck. „Man könnte den Eindruck gewinnen“, sagt die Frau, „dass es sich um eine zerstückelte Persönlichkeit handelt“; eine Persönlichkeit, die den Bezug zur Realität verloren hat. Am Ende aber löst Iris Meinhardt die scheinbare Schizophrenie märchenhaft auf. Ihre Theaterfigur erkennt in banalen Dingen – und sei es nur beim „Anblick von vier Kühen“ – die Wirklichkeit und stößt einen Seufzer der Erleichterung aus. Wohl wissend, dass die Suche nach dem wahren Ich eine immerwährende ist.