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Kasper fliegt auf dem deutschen Qualitätsbesen

Das Figurentheater Fitz zeigt 'Herrmann geht nach Engelland'
erschienen am 15.02.2013 in Stuttgarter Nachrichten
von Horst Lohr

Man mag es nicht glauben: Selbst die Kunst des Puppenspiels instrumentalisierten die Nationalsozialisten für antisemitische Hetze: Ein im Jahr 1938 in Stuttgart gegründetes ‚Reichsinstitut für Puppenspiel‘ ließ 24 verschiedene Typen von Handpuppenköpfen produzieren. Darunter den ‚deutschen Kasper, der sich in heldischer Furchtlosigkeit gegen alles Undeutsche durchsetzt‘. Vor diesem historischen Hintergrund entwickelten der Figurenspieler Hartmut Liebsch und Regisseur Gyula Molnàr für das Triebwerk Theater die Bühnenpersiflage ‚Herrmann geht nach Engelland‘.

Ein böses und tragikomisches Spiel über die längst nicht verheilten Wucherungen nationalsozialistischer Herrenrassen-Arroganz: 1941 wird Bauchredner Herrmann (Hartmut Liebsch) mit seinem Kaspertheater ins besetzte Frankreich abkommandiert. Hier probt er den Flachsinn einer Propaganda-Show: Wenn Liebsch mit beeindruckender Stimmakrobatik seine Puppen zum Leben erweckt, erinnert er an den australischen Puppenmagier Neville Tranter. Kasper fliegt als schneidiger Nazijünger auf einem ‚deutschen Qualitätsbesen‘ nach Engelland. Levi Blauspan, ein jüdischer Schauspieler, findet auf der Flucht vor den Nazis als verstörtes Püppchen unter Herrmanns Jackett Asyl. Und ein rührend melancholisches Krokodil muss seine Mitspieler bespitzeln und denunzieren. Mit welch galliger Komik Stück und Darsteller die Perfidie des Naziregimes aufs Korn nehmen, das lohnt sich anzuschauen.