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Keine Chance den Zeitdieben

Im Fitz: Michael Endes „Momo" als Figurentheater
erschienen am 01.01.1970 in Stuttgarter Zeitung

„Das Einzige, worauf es ankommt, ist, dass man viel hat“, „Das Leben ist hart, wir haben gespart“, und man solle nur tun, was „nützlich“ ist, behaupten die grauen Herren, die auf der Bühne des Fitz in Scharen ihren Aktenkoffern entsteigen. Das sind keine neuen Losungen, sondern die Slogans der Zeitdiebe aus Michael Endes mehr als dreißig Jahre altem Kinderbuchbestseller „Momo“, die in der neuen Figurentheater-Inszenierung von Christiane Zanger mit dem Ensemble Kassiopeia seltsam gegenwärtig klingen. Denn der Erwachsenenkopf denkt unweigerlich an Prekariatsunwort, Rentenversprechen oder aktuelle Ratgeberliteratur mit Titeln wie „Zeitmanagement für Kids“.

Fürs Zielpublikum (von acht Jahren an) ist die auf siebzig Minuten gestraffte „Momo“ -Bühnenfassung mit behutsam moralisierendem Multimediaeinsatz – die Bösen sind alle flüchtige Projektionen – immer noch ein fantastisches Märchen vom kleinen unangepassten Mädchen, das mit seiner Fähigkeit, zuhören zu können, die Menschheit vor den grauen Zeitraffern rettet. Die kleinen Zuschauer folgen gespannt den drei Erzählerinnen Iris Meinhardt, Daniela Hense und Antje Töpfer, wie sie Momo und ihren Freunden Beppo Straßenkehrer und Gigi Geschichtenerzähler Leben einhauchen oder der Riesenschildkröte Kassiopeia und dem Zeithüter Meister Hora ihre poetische Langsamkeit ver­leihen. Mit Gelächter werden behutsame Aktualisierungen quittiert, etwa, dass Gigi nicht mit seinen für Momo erfundenen Geschichten Karriere macht, sondern singend als TV-„ Popstar“ seine Freundin fast vergisst.

Doch das größte Hallo ruft die sinnliche Umsetzung des Eingangssatzes hervor: „Wusstet ihr, dass man Zeit riechen kann?“ Sind die Guten, Langsamen im Einsatz, duftet es nach Honig, sind die Bösen unterwegs, stinkt’s – „Uähhh!“ – nach Verbranntem.