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Körperkult, Liebeswahn

„Titania tanzt für einen Esel“ im Stuttgarter Fitz
erschienen am 21.01.2012 in Esslinger Zeitung
von Petra Bail

Stuttgart – Titania will geliebt werden, die Prinzessin auch. Doch beide haben ihre eigenen Vorstellungen von Sexualität und Erotik. Die eine versteckt sich unter Webpelzfellen und Plüschhäuten, die andere kämpft mit modernen Mitteln gegen Orangenhaut und Falten. Zwei unterschiedliche weibliche Wesen tanzen einen verstörenden Reigen. Dabei geht es um Gefühle, um deren Schutz, aber auch um allmähliche Öffnung, Annäherung und Vertrauen. Die Performance „Titania tanzt für einen Esel“ von und mit Antje Töpfer und Anna Peschke hatte jetzt am Zentrum für Figurentheater in Stuttgart Premiere.

Zwei Geschichten wurden von den Figurenspielerinnen aus Stuttgart und Gießen zusammengeführt. Die vor ihrem testosterongesteuerten Königsvater fliehende Prinzessin aus Charles Perraults romantischem Märchen „Die Eselhaut“ macht sich bis zur Unkenntlichkeit hässlich und versteckt sich unter gegerbten Tierhäuten. Auf der Bühne trifft die getarnte Schönheit auf Shakespeares extrovertierte Elfenkönigin Titania, die zum Ärger ihres königlichen Elfen-Gatten Oberon mit dem anderen Geschlecht liebäugelt und sich durch einen kleinen Fehler in der Trickkiste in einen Esel verliebt.

Unterschiedlicher als die beiden können Frauen kaum sein. Die eine versteckt selbst den geringsten sinnlichen Anflug unter Bergen von Kunstfellen und Tuchrollen und schützt sich in bester Christo‘scher Manier gut verhüllt vor falschem Begehren. Die andere frönt dem stets unbefriedigenden Körperkult durch unermüdliches Workout. Zu peitschenden Aerobicrhythmen nimmt die ätherische Elfenkönigin im pinkfarbenen Fitnesskostüm den verzweifelten Kampf gegen schlaffe Bauchmuskulatur und Schwabbelpo auf, um am Ende Knitterhaut und Pölsterchen mit transparentem Klebeband zu fixieren, was die Schwachstellen freilich nur noch deutlicher zur Geltung bringt. Was macht frau nicht alles, um schön geliebt zu werden – manchmal auch von einem Esel. Die Verhüllungsprinzessin führt indes im schützenden Webpelz-Kokon einen inneren Kampf gegen den väterlichen Verfolger, versucht, vom Boden hochklappende Männerporträts flach zu halten, die am Ende kurzerhand von der Bühne gefegt werden. Das darf Martin Christensen übernehmen, von dem auch das Bühnenbild stammt und der das ausgeklügelte Geräusch-Soundsystem des Komponisten Morgan Daguenet am Rand steuert. Was soll er auch tun als Mann ohne Rolle? Seine kuscheligen Annäherungsversuche an die XXL-Hülle der mythologischen Nana wurden wiederholt von schrillen Pfeiftönen empfindlich gestört. Das machte auch dem hoffnungsfrohesten Zuschauer klar: Hier geht’s rein um weiblichen Eros und nicht um zwischenmenschliche Beziehungsgeschichten.

In sinnlichen, raumgreifenden Bewegungen nähern sich die Frauenfiguren einander an. Titania wird von ihren unsichtbaren Fesseln befreit, die Prinzessin lässt ihrerseits die tierischen Schutzhüllen fallen. Sie erkennen ihre Schwächen. Titanias blonde Lockenperücke und die graue Prinzessinnenmaske verschmelzen am Ende zu einem neuen Wesen.

Das ist alles sehr körperbetont, intensiv und ästhetisch gelungen. Der Zuschauer braucht allerdings viel Fantasie, um sich auf das verwirrend-poetische Abenteuer mit der Energie, die aus den bewegten Bildern entsteht, einzulassen.