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Kosmos des Filigranen zum Leben erweckt

Europäisch-afrikanische Koproduktion im Figurentheater: „Das Dorf auf dem Hügel"
erschienen am 22.06.2007 in Stuttgarter Nachrichten
von Horst Lohr

Sein Palast besteht aus einem kleinen Karton. Sein Thron ist ein tellergroßes Ohrensesselchen. Von hier aus herrscht ein mit Schweinsvisage ausgestatteter König über zwei Dörfer. Das eine versinkt in Armut, weil der auf Taschenformat geschrumpfte Raff zahn mit Hilfe von Magie alles Gute von dort in den Ort darüber fliegen lässt, wo er seinen Regierungssitz hat.

„Das Dorf auf dem Hügel“ nennt ein internationales Figurentheater-Quartett sein köstlich sarkastisches Zaubermärchen um Ausbeutung und Machtmissbrauch. Die Regisseure Danaye Kalanfei (Togo) und Alberto Garcia Sanchez (Spanien) spiegeln die in weiten Teilen unseres von der Globalisierung infizierten Planeten herrschenden Verhältnisse in einer wunderbar komischen Welt en miniature: Von uralten Traditionen und Aberglauben geprägte Rückständigkeit wehrt sich gegen die Fressgier des Raubtierkapitalismus.

Mit einem Gemisch aus Deutsch und Französisch sowie bewundernswerter Fingerfertigkeit erwecken die Spieler Stefanie Oberhoff aus Stuttgart und Lambert Mousseka (Kongo) ihre liebevoll gearbeiteten Puppenwinzlinge in diesem Kosmos des Filigranen zum Leben. In fliegendem Wechsel tauchen die spillerigen Figürchen aus dem Reich der Fantasie auf. Wie der Zauberer an des Königs Kartonhof, der sich in Voodoo-Ekstase steigert und mit verknoteten Gummigliedern wie eine Rakete in die Luft abhebt – aus Wut über die Konkurrenz eines mit Bandmaß nach den magischen Punkten dieser Erde suchenden Ethnologen.

Unbeeindruckt davon lässt sich dieser mit einer Flut gleißender Edelsteine aus dem Hintern des königlichen Hundes bestechen. Als Gegenleistung liefert er dem Dorfpotentaten eine Flimmerkiste von der Größe einer Zigarettenschachtel mit den Segnungen westlichen Werbefernsehens. Und wenn der König zur Stärkung seiner magischen Kräfte nicht gerade kleine Kinder frisst, benutzt er einen seiner Untertanen als heiligen Teppich und tritt seinen Husten in ihn hinein.