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„Krabat“ als düsterer Bilderrausch

Figuren, Masken, Objekte und Schatten - Geschichte auf ihre großen Themen reduziert
erschienen am 01.01.2011 in Fränkische Landeszeitung
von Lara Hausleitner

ANSBACH – Die Geige kreischt, eine Frau schreit, Gestalten winden sich auf einem Berg aus Knochen: Es ist Krieg. Und Krabat, ein nacktes Ger schöpf mit schrundigem Körper, mehr ein alter Mann als ein Knabe, kommt in eine geheimnisvolle Mühle, in der nicht nur gemahlen, sondern Schwarze Magie gelehrt wird. Das Figurentheater Wilde & Vogel hat zusammen mit dem Theaterkünstler Florian Feisei und der polnischen Grupa Coin- cidentia das berühmte Buch von Ot- fried Preußler mit Puppen, Masken und Objekten umgesetzt: Mächtige schaurige Bildern sind da entstanden, gebrochen von kurzen poetischen Momenten und skurriler Komik.

Das riesige Mühlrad mahlt als Schatten, ratter, ratter, ratter, zermalmt es Leiber und Seelen. Es ist eine düstere Inszenierung für Erwachsene und Jugendliche, die am Samstagabend im Theater Ansbach zu erleben war. Hoffnungsschimmer sind selten – hauchzart rascheln sie als transparente Plastiktüten vorüber, plätschern sie als feiner Wasserstrahl vom Schnürboden.

Gruslig ist’s, wenn der Meister der Mühle erscheint: eine zerfressene Maske, mit der Hand am gestreckten Arm weit vor dem Körper gehalten, ein schwarzer Hut, ein schwarzer Umhang. Dann der Gevatter: Totenschädel, Knochenfinger und vibrierend wimmernde Stäbe, so stakst er heran, pirscht sich von hinten, packt zu. Weil da nur Knochen sind, kein Fleisch, kein Blut, hat der Tod auch keine Stimme mehr. Bloß noch ein hohles Krächzen.

Auch die Raben krächzen, als sie zum faustischen Hexeneinmaleins herbeiflattern, mal hierhin, mal dorthin, husch, husch. Charlotte Wilde macht die Musik dazu, singt mystische Weisen und spielt Bachs Chaconne, wenn Krabat sich im Traumtaumel dreht und dreht. Und das Marionettenskelett tanzt und tanzt, bis die Knöchelchen auseinanderspritzen. Blut fließt, als ein Müllergeselle geopfert wird. Die bleichen Masken starren auf ihn herab, eine weiße Decke Schnee bedeckt den Toten.

Handwerklich ist die Inszenierung, die Schauspiel und Figurenspiel verbindet, perfekt. Die Bilder sind eindringlich, ein dunkler Rausch. Doch gerade ob dieser Bilderfülle, ob der magischen Opulenz, für die alle Mittel des Genres Figurentheater aufgeboten werden, bleibt die Geschichte von Krabat auf der Strecke. Es wird kaum gesprochen, und wer das Buch nicht kennt, wird nicht alles begreifen.

Oder vielleicht doch. Denn die großen Themen sind erlebbar in diesen intensiven Bildern, in den Klängen dazu. Der Krieg, der Tod und das Böse. Angst und Verlust. Liebe und Erlösung. Am Ende steht das Mühlrad still, die Geige schweigt. Es wird auch schon ein wenig heller.