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Kräftemessen mit Jungholz

erschienen am 10.06.2017 in Esslinger Zeitung
von Petra Bail

Premiere im Wald - Figurenkombinat zeigt „Wildlicht" und sucht den Menschen - Rauschhafte Fantasiewelt mit gemütlichem Ausklang

Statt Prosecco gibt es Mückenspray und einen Handzettel, auf dem am Ende der Veranstaltung Zeckensuche empfohlen wird. Sicherlich ratsam. Schließlich führt die Stuttgarter Gruppe Figurenkombinat den kleinen Kreis der Zuschauer mitten hinein in den dämmrigen Degerlocher Wald. Für knapp zwei Stunden ist es eine eingeschworene Gemeinschaft, die einen außergewöhnlich-sinnlichen und auch lustigen Theaterspaziergang unternimmt.

Aber was heißt Spaziergang? „Wildlicht. Suche nach Mensch“ ist eher eine spannende Trecking-Tour mit Figurentheater, Performance, überraschendem Grotesktanz, wunderbarer Lichtgestaltung, unheimlichen Geräuschen, Video und Musik zwischen Bäumen.

Treffpunkt ist um 21.30 Uhr am Haus des Waldes in Degerloch. Den Weg säumen Kerzen, die am Ende, wenn es stockfinster ist, den Besuchern stimmungsvoll den Rückweg beleuchten. „Der Weg ist ein Teil des Ziels“ erfahren die Zuschauer während der Willkommenszeremonie. Tatsächlich ist es auch die Bewegung in einer sieh verändernden Natur, die die Wahrnehmung schärft. Es wird dunkel, außer dem Sehen werden weitere Sinne aktiviert: es riecht gut im Wald, denkt der feinstaubgeplagte Stadtmensch aus dem Stuttgarter Kessel. Brünftiges Röhren kommt aus dem Lautsprecher und mischt sich live mit Vogelgezwitscher. Euphonie mit Witz und Charme im Sehnsuchtsort Wald. Als Warming-up führt das Ensemble, das für diese Koproduktion mit dem Figurentheater Stuttgart, aus 25 Künstlern und Laien besteht, die Besucher noch auf befestigten Wegen. Die Darsteller starten den Versuch einer Erklärung, wie der Wald tickt. Der Pulk darf im Rhythmus des Bewegungsspiels „Ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm …“ mitmarschieren. Das ist ein bisschen albern, aber schnell überstanden. Schließlich locken die Akteure hinein in den nächtlichen Wald. Man fühlt sich ein bisschen wie Hänsel und Gretel, nur in zehnfacher Ausfertigung. Das eben noch Vertraute wirkt jetzt seltsam fremd.

Spieler lassen federleichte, leuchtende Waldgeister an Stäben um borkige Stämme und Besucher flirren und weisen so den Weg zur „Wald-Bar mit Grammophon“. Es geht um das „große Jagen“, das nicht nur Tiere betrifft, sondern auch den Mensch in Kriegszeiten. Zur Stärkung gibt’s „Jägermeister“ für alle. Die Stationen befinden sich in Sichtweite. Sobald der Theaterzug weiterzieht, wird die jeweils, nächste in poetisches Licht getaucht. Man sieht immer gerade so viel, dass man nicht über Wurzeln strauchelt. Kirmes-Glühlampen in den Ästen zeigen die Richtung.

„Wildlicht“ ist nicht nur Mitlaufsondern auch Mitmachtheater. Die Besucher sind Teil der interaktiven Aufführung, wie in der „Waldeinbürgerungsbehörde“. Das Rechenzentrum ist mit einem Kreis aus Computertastaturen auf dem Waldboden markiert, in dessen Mitte ein riesiger Papierberg liegt. Nur wer einen grünen Daumen hat, darf den Antrag abstempeln und zum nächsten Amt. Schematisierte Behördenabläufe werden humorvoll ad absurdum geführt, als sich plötzlich der Papierberg geheimnisvoll raschelnd bewegt und einen gespenstischen Tanz aufführt. Verzückte Sprachlosigkeit.

Fabelwesen wildromantischer Natur zeigen in dieser mondglänzenden Waldeinsamkeit zwischen Himmel und Erde einen sehenswerten Stuttgarter Sommernachtstraum, dem bei allem Zauber, den er verströmt, ein bisschen der inhaltliche Zusammenhang fehlt. So wirken die einzelnen Stationen episodenhaft aneinandergefügt mit Videosequenzen über Rotkäppchen im frühkindlichen Stadium und einem temporeichen filmischen Zusammenschnitt am Ende.

Begeistert die „bewegte Romanze für Wald, Tüll und Lied“ im Ganzkörper-Tutu zu Max Regers „Schlichte Weisen“ fragt man sich, was das Dilemma einer atemlosen Puppenspielerin, wer wen animiert, die Menschen die Bäume oder andersherum, und das wie eine Rechtfertigung klingende Erziehungskonzept der Wolfskinder-Mama verbindet. Manches gerät geräuschhaft und etwas melodramatisch. Drei Walküren rauschen mit dem orchestralen „Hexenritt“ aus Engelbert Humperdincks Kinderoper „Hansel und Gretel“ über den bombastisch ausgeleuchteten Naturholz-Laufsteg, umarmen schlanke Baumstämme bis sie sich biegen. Das sieht aus, wie Kräftemessen mit Jungholz. Insgesamt aber ist „Wildlicht“ ein erstaunliches Eintauchen in eine rauschhafte Fantasiewelt mit gemütlichem Ausklang am Lagerfeuer – und ohne Zecken.