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Kraft, Klugheit und was noch?

erschienen am 25.11.2005 in Puppenspielportal.de
von Dirk Wildt

Tatanka der Büffel, Schunktuketscha der wilde Wolf und Mato der Bär müssen sterben – und dies auch noch reichlich sinnlos. Die vielen anderen Dutzend von Tieren, die dem Frevel zum Opfer fallen, haben schon gar keine Namen mehr. Schuld daran ist ein Indianerjunge, der nicht nur merkt, dass er töten kann, sondern auch, dass er unverletzlich ist.
Im Erfurter Theater Waidspeicher rollt er in Form eines Steins auf die Bühne, herausgespüllt aus dem Bett eines plätschernden Flußes. Indianermutter Hiladih (Annika Pilstl), an deren Busen der Stein zum Knaben wird, nennt ihn folgerichtig „Steinknabe“.

Der Steinknabe (Tobias Weishaupt) macht einen Stock zum Bogen. Eine Krähe schenkt ihm eine Feder und sagt: „Die Feder gibt Kraft und Klugheit und … das Dritte habe ich vergessen.“ Ihre Vergesslichkeit wird der Krähe noch auf die Füsse fallen: Denn Steinknabe verschießt seine Pfeile nicht nur für Ernährungszwecke. Nein, weil sein Hirn beim sinnlosen Abschlachten glücklichmachende Hormone in Massen ausschüttet, zischen seine Pfeile über die Prärie – eine Bühne, die aus kaum mehr als einem abgestorbenen Baum und einem Boden aus Papier besteht.
Aus diesem Bühnenboden reißt Mutter Hiladih Papierfetzen und faltet Präriehunde, Pferde, Antilopen. Pfeile treffen, machen Löcher, Blut fließt. Faszinierend: Obwohl die Tiere nur aus Papier sind, trifft sie der sinnlose Tod so überzeugend, dass man traurig wird. Pilstl und Weishaupt zeigen auf einzigartige Weise, dass sie ohne große Effekte mit der Phantasie des Publikums spielen können, wie sie wollen.
Mittlerweile sind die Füße des Steinknaben so blutig, dass sich der Bühnenboden rot färbt. Auch die übriggebliebenen Tiere sind nicht mehr wirklich begeistert – sie entschließen sich zum Aufstand. Der Papierboden wird hochgeklappt und zu einer raumfüllenden Projektionsfläche. Sie zeigt eine 1.000 Jahre alte indianische Höhlenzeichnung mit einem Tumult voller Jäger und Tiere. Hiladih erzählt, dass der Zug der Tiere gegen den Frevler „kein Ende nehmen wollte“. Doch auch dieser Aufstand nützt nichts – Steinknabe ist unverwundbar. Der Krähe will noch immer nicht einfallen, was neben Kraft und Klugheit notwendig ist, um mit Macht umgehen zu können, und appeliert schon fast erschöpft: „Hör endlich auf, aus Langeweile und Übermut zu töten!“.

Die Krähe ruft dann den absolut mächtigen „Donnervogel“ – was sie machen darf: Denn die ganze Geschichte basiert auf einem alten Märchen. Es stammt aus der Zeit vor der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus von den Dakota-Indianern. Publiziert hat die Ethnologin Liselotte Welskopf-Henrich den Steinknaben 1953 in der DDR. Damals war der 2. Weltkrieg gerade mal seit acht Jahren beendet. Wer mag da bezweifeln, dass das von den Deutschen begonnene sinnlose Abschlachten von Millionen für Welskopf-Henrich ein Thema war? Angesichts diverser Kriegsschauplätze zu Beginn dieses Jahrtausends hat der Steinknabe leider nicht an Aktualität verloren.
Der Donnervogel kommt und verschafft der Prärie schlechtes Wetter. Die Bühne, bisher fast ausschließlich mit weißem Licht ausgekommen, verwandelt sich in ein Gewitter, dass sich gewaschen hat: Tiefblaues Licht, Donner, rote Blitze und Wind, der den gesamten Horizont so durcheinander bringt, dass einem Wolken erscheinen. Und Steinknabe ist – versteinert.
Nach der Premiere sagt Regisseur Dittrich zu puppenspiel-portal.de, der Mythos „kann bestrafen, aber er wertet nicht“.

Sparsame Effekte, starke Wirkung – Mythos ohne ätzende Moralinsäure.