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Kritischer Blick aufs Theater und das Leben

„Der Garten" im FITZ
erschienen am 01.10.2010 in Ludwigsburger Kreiszeitung
von Arnim Bauer

Stuttgart – Wie kann Theater heute auf all die Grauslichkeiten, die uns jeden Tag begegnen, reagieren? Bleibt es dabei auf der Strecke? Dies untersucht auf gallig-humorige Weise die neue Produktion des Materialtheaters FITZ, „Der Garten“, die in Zusammenarbeit mit dem Théâtre Octobre aus Brüssel entstanden ist.

Von Arnim Bauer

Fünf Frauen haben sich in einem Garten versammelt, um dort „Die Schutzflehenden“ von Aischylos einzustudieren. Ein wenig geht es auch um Fragen, wie Fremden in Not geholfen wird in unserer Zeit. Aber weit mehr wird verhandelt, wie Theater auf die Not reagieren kann.

Historische Zusammenhänge sind den Frauengestalten fremd, dafür können sie sich für Aischylos‘ Sprache begeistern: „Ich möchte die Telefonnummer von Aischylos haben.“ Ja, und soll der Sand blau sein, zwanzig Tonnen blauer Sand als Spielfläche? In solchen Fragen verlieren sich die Damen, proben hier ein wenig, diskutieren ein bisschen, sorgen sich um ihre Kinder und hängen Wäsche auf. Dazwischen böses Gutmenschgehabe bei der Frage, wie das Leid der 50 Frauen der Tragödie darzustellen sei, die vor ihren Männern geflohen sind.

Und so wird hinter dem kritischen Blick auf das Theater auch noch eine ätzende Gesellschaftssatire aufgezogen, die ein Abbild geben soll von der hochnäsigen Haltung der europäischen Gesellschaft gegenüber der Not derer, die heute hier Zuflucht suchen. Alberto Garcia Sanchez hat nicht nur ein komplexes Werk geschrieben, er hat es auch szenisch hervorragend umgesetzt. Das gelingt auch, weil die Spielerinnen Annette Scheibler, Sigrun Kilger, Sandra Hartmann, Alexandra Kaufmann und Francesca Bettini voll in ihren Rollen aufgehen und noch den Spagat zwischen Schauspiel und der Ästhetik des Materialtheaters im wahrsten Sinne des Wortes spielend schaffen.