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Lachen, sehen, (wieder-)erkennen

Mit den Festivals 'Die animierte Stadt' und 'die-wo-spielen' feiert sich Stuttgart als Zentrum des Figurentheaters
erschienen am 03.06.2013 in Stuttgarter Nachrichten
von Brigitte Jähnigen

Sowohl das Figurentheater Fitz als auch der Studiengang Figurentheater an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart wurden 1983 gegründet. Ihr 30-jähriges Bestehen feiern beide Institutionen noch bis 9. Juni mit zwei Festivals. Eindrücke vom Auftakt. Von Brigitte Jähnigen

Sie fliegt. Sie geht zu Boden. Sie schwingt sich auf. Sie wird gehalten. Sie siegt. Und sie beweist, dass das Figurentheater als eine der ältesten Theaterformen das Spiel zwischen Illusion und Desillusion beherrscht. Unbeseeltes wie die Marionette bei der Jubiläumsgala am Samstagabend im Wilhelmspalais (Organisation: Bernhard Eusterschulte) in den Händen von Frank Soehnle, wird lebendig. Der international bekannte Figurenspieler erinnert mit dieser Szene an seine Aufnahmeprüfung an der Stuttgarter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst als erster Bewerber für den Studiengang Figurentheater. Heute ist Stuttgart eines der europäischen Zentren für Figurentheater – und in Deutschland das bedeutendste. Die Kooperation zwischen Lehranstalt (Hochschule), freier Spielstätte (Figurentheater Fitz) und Förderverein trägt Künstler wie Publikum – und feiert sich jetzt mit ‚Die animierte Stadt – Festival belebender Theaterformen‘ wie mit dem 6. Studentische Figurentheaterfestival ‚die-wo-spielen‘.

Das Fest

Den Doppelgeburtstag zu feiern, traf sich die Schar illustrer Gäste am Samstagabend im Wilhelmspalais. Begrüßt wurde auch Ingrid Höfer, Arbeits- und Lebensgefährtin von Albrecht Roser, dem wohl bekanntesten Stuttgarter Pionier des Puppenspiels. Als Hommage an Roser faszinierten Frank Soehnle und Raphael Mürle mit einen zweiköpfigen Geistwesen, das zum sphärischen Sound durch eine ‚Wunderkammer‘ (Titel der Produktion) schwebt. Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann erinnerte an die Anfänge, lobte die ‚Ermöglicher‘ der deutschlandweit einmaligen Erfolgsgeschichte, bekannte sich zur Eigenschaft ‚positiver Penetranz‘, durch die in der Landeshauptstadt Baden-Württembergs zu bewegen sei, was bewegt werden müsse. ‚Der springende Punkt‘ war dann auch eine Spielart der Schöpfungs- und Menschheitsgeschichte, von Iris Meinhardt auf, durch und mit einem Spielball zauberhaft in Szene gesetzt. Zu den magischen Kräften des Figurentheaters bekennt sich Antje Töpfer – auch sie Absolventin des Stuttgarter Studiengangs Figurenspiel. Ihre Pandora ist nicht aus Lehm, ist aus magnetischen Kugeln und künstlichen Körperteilen gemacht.

Die Dicke

Bewegte Figuren sind Spiegelbilder menschlicher Existenz: ‚Durch uns kommt Ihr zum Lachen, Sehen, Erkennen‘, ließen Sigrun Kilger und Anette Scheibler die Puppen sprechen. Julika Mayer, Antje Töpfer und Florian Feisel bewegten mit Reflexionen über das Alter. Und während die Festgäste zum Eingang des Wilhelmspalais strömten, quetschte sich Julia Raab als ‚Die Dicke‘ durch die Reihen. Eine Obdachlose monströsen Ausmaßes, eine moderne Medea. Aus alten Plastiktüten erzählt sie – ohne Worte – ihr Leben. Eine hoch beeindruckende Bachelorprüfung, von der noch gesprochen werden wird.

Die Gäste

Künstler aus Deutschland, Frankreich, Spanien, den Niederlanden, Großbritannien, der Tschechischen Republik und Rumänien sind zum Jubiläum nach Stuttgart gekommen. Für Kontroversen im Publikum sorgten die jungen Leute vom Institut del Teatre Barcelona mit ihrer Produktion ‚Zwei buffoneske Altarbilder und ein tragischer Chor‘. Ihr lautstarkes illustratives Spiel über Laster und Machtgelüste, ihre Kopulations- und Masturbationsbemühungen sprengten die engen Räume des Figurentheaters, hinterließen Ratlosigkeit und Schulterzucken beim deutschen Publikum.

Perspektiven

Mit seinem Innovationsfonds Kunst bekennt sich das Land zum Figurentheater und ermöglicht das Jubiläumsprojekt ‚Die animierte Stadt‘. Stuttgarter Studierende, Absolventen, ihre Dozenten und ausländische Künstler hätten bewiesen, dass es sich bei dieser Theaterform durchaus nicht um ‚Bastelstunden‘ handelte, sagte Joachim Uhlmann. ‚Selbst der sonst eher leidenschaftslose Bundesrechnungshof bestätigte, dass es sich beim Stuttgarter Studiengang Figurenspiel um eine in den alten Bundesländern einzigartige Einrichtung handelt‘, sagte der Vertreter des Kunstministeriums: Rückendeckung für Stephanie Rinke, Leiterin des Studiengangs und Moderatorin des Abends. Figuren als Spiegelbilder des Menschen werden weiter als künstlerische Botschafter von Stuttgart aus in die Welt gehen.