Springe zur Navigation

Lauter anregende Figuren

Der Westflügel hat einen Sommerspielplan
erschienen am 01.01.2006 in ELEND & NOBLESE Leipzigs Magazin für TheaterKultur Nr. 4
von Fee Isabelle Lingnau

Nun, es dauerte eine Zeit, bis man endlich aufgehört hatte, jede Geste, jede Figur sofort interpretieren zu wollen und sich auch nicht mehr hochkonzentriert bemühte, jedes einzelne Wort zu verstehen, das Kinder gesprochen und Baudelaire geschrieben hatte. Aber dann, ja dann!
Dann erlebte man die Aufführung von Spleen. Die Kinderstimmen waren nun ebenso Musik wie ihre Worte Bebilderung. Sie schufen zusammen mit dem Spiel Michael Vogels und seinen Figuren (oder andersherum?) sowie den Melodien und Klängen von Charlotte Wilde eine vielschichtige Komposition aus Bild Ton Wort.
Entstanden ist diese erste Eigenproduktion des „Lindenfels Westflügel“ nach Charles Baudelaires „Le Spleen de Paris“, dem Band mit Gedichten in Prosa, die ein Jahr nach seinem Tod erschienen. „Wilde & Vogel“ untermalen nicht die starken verbalen Bilder des Dichters, der sich irgendwann von Opium und Haschisch losgesagt hatte und nur noch den Rausch der Dichtung akzeptierte. Vielmehr stellen die Theatermacher eigene Bilder aus Spiel und Ton daneben. so dass ein vielschichtiger Reigen aus Sinnlichkeit und Prostitution, Lebenslust und Weltenekel, Emotionalität und Kitsch entsteht, der für den Zuschauer erfahrbar   ist, ihm viele Assoziationsanstöße gibt. Baudelaires Ästhetik des Hässlichen ist ebenso präsent wie eine düstere Poesie, die immer wieder gebrochen wird durch mal feinen, mal albernen, mal sehr schwarzen Humor.