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Lebensentwurf oder Mythos

erschienen am 01.08.2006 in Double 08 2006

Ein beeindruckend vielschichtiges, theatralisches Psychogramm der Künstlerpersönlichkeit Marilyn Monroe aus der Sicht ihres Alter Ego – hier in Gestalt ihres Zwillingsbruders – mit großer Präzision einfühlsam gespielt von Christian Glötzner – ist unter der klugen Regie von Vanessa Valk gelungen. In einer zeitlos puristischen Bühne (Bühne und Kostüm: Sabine Ebner) erschafft Glötzner immer wieder neue Facetten dieser Kunstfigur auf der Suche nach Identität und Individualität in einer Welt zwischen Fiktion und Realität.

Fremd und zögertlich nähert sich der Mann dem Therapiezimmer der Psychoanalytikerin Dr. Greenson (Vanessa Valk) mit der berühmten Couch – Ort der Ausgrabung verschütteter seelischer Fundstücke. Über Lautsprecher drängen ihre Fragen mal suggestiv, mal knallhart von außen ins Innere des Raumes. Er ist überzeugt der Bruder von Norma Jeane zu sein. Er springt in die Rolle des Mädchens und singt ein anrührendes  Teenagerlied (Musik: Stefan Mertin).

Das Leben der Norma Jeane scheint sich „auszuziehen“. Transparente Schleier werden wie Hautschichten zur Seite geschoben, lassen darauf projizierte Bilder einer bizarren Welt entstehen. Schuf sich Norma Jeane  eine neue Identität, indem sie alte mit neuen Bildern umgab?

Vor die projizierten Bilder schiebt sich das Angesicht des Mannes, wandelt sich so zum Bestandteil des künstlich erschaffenen Frauenfigur, die wiederum Teil seines Selbst zu werden scheint. Durch die Überblendungen entsteht eine verblüffende Metamorphose, die perfekte Verwandlung zu
einer Figur mit überschminktem Gesicht und mit traurigschönen Augen, aus denen ungestillte Sehnsucht herauszuschreien scheint. Sein Gegenüber formt sich zum Trugbild, Abbild, zu seinem Double, einer
lebensgroßen Puppe. Mit ihr tanzt er voller Leidenschaft und Intensität. Die Hoffnung verliert sich schließlich im Totentanz.