Springe zur Navigation

Lichthäutungen

erschienen am 31.03.2008 in Schwäbisches Tagblatt

Das wonderfool-Theater überzeugte mit dem Stück "Bruder"

Im Rottenburger Theater am Torbogen hatte am Samstag das Ein-Mann-Stück „Bruder“ Premiere, nach dem gleichnamigen Jugendbuch von Ted van Lieshout. Ein experimentierfreudiger und ausdrucksstarker Parcours durch die Themen Tod und Sexualität.

Luks jüngerer Bruder ist tot. Er war gerade mal 15, als er starb. Ein halbes Jahr ist das her. Nun macht sich die Mutter daran, seine Sachen zu verbrennen. Luk rettet das Tagebuch und begibt sich auf eine virtuelle Reis, nähert sich seinem verstorbenen Bruder an, entdeckt ihn neu und sich selbst gleich mit.
Kein leichter Stoff, den sich Christian Glötzner vom wonderfool-Theater da vorgenommen hat, noch dazu auf sechzig Minuten komprimiert. Regisseur Enno Podehl schickt ihn durch einen effekt- und ideenreichen Parcours, lässt ihn mit Licht und Projektionen, mit einfachen Papierobjekten und -figuren arbeiten und räumt ihm dafür reichlich Platz ein. Denn der Raum ist Bühne, ein schwarz ausgekleidetes Experimentierfeld, das die 25 Zuschauer/innen an einer Seite zusammendrängt. Glötzner studierte an der Stuttgarter Hochschule Figuren-theater und gründete 2001 sein wonderfool-Theater als Ein-Mann-Projekt. In dem Stück „Bruder“ (für dessen Romanvorlage der niederländische Autor Ted van Lieshout mit dem deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde) zieht er sämtliche Register, spielt zurück genommen und präzise. Götzners Luk befindet sich in steter Auseinandersetzung mit sich selbst und dem toten Bruder,changiert zwischen einer sich auflösenden Figur und einer, die zunehmend Gestalt gewinnt.
Denn Luk war stets der Eigenbrötler, der nicht wusste, wie er mit seiner aufkeimenden Sexualität umgehen sollte, während sein jüngerer Bruder auf der Sonnenseite zu stehen schien. Durch die Auseinandersetzung mit dessen Tagebucheinträgen erfährt er, dass auch sein Bruder homosexuell war, damit aber recht pragmatisch und offen umging. Luk entdeckt seinen Bruder zwischen den zeilen neu, schlüpft in seine Haut, steigt in die Landkarten, die er sich so gerne ansah und löst sich schließlich von ihm.

Das sind gleich zwei große Themen, die da auf der Bühne verhandelt werden, und doch läuft das Stück nie Gefahr rührselig oder pathetisch zu werden, obwohl ja ständig von Ge-fühlen die Rede ist.
Im Gegenteil: Als wolle er auf keinen Fall Gefahr laufen, in die Gefühlsduselei zu tappen, hat Regisseur Podehl die Formensprache so streng, so konzentriert angelegt, dass man sich manchmal noch ein oder zwei Sätze mehr und bei allem Ernst des Themas einen hauch mehr Humor und Leichtigkeit gewünscht hätte. Das ganze sei ein „work in progress“, sagte Podehl, ein „Zwischenbericht“ – alles in allem ein viel versprechender.