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Liebe geht über Leichen

Premiere von "Salomé" nach Oscar Wilde im Stuttgarter Fitz
erschienen am 07.10.2005 in EZ-Online
von Petra Bail

Stuttgart – Der Mond, wohin nur mit dem Mond? Die achtköpfige Truppe ist schon damit beschäftigt, die Platzierung des mit dünner Plastikfolie bespannten Reifs strategisch richtig zu vorzunehmen, als das Publikum den Zuschauerraum im Stuttgarter Fitz betritt. Die Gästeschar zur Premiere ist dünn, offenbar verströmt „Salomé“ nach Oscar Wilde, die gemeinsam von der polnischen Kompania Doomsday und dem Stuttgarter Figurentheater Wilde & Vogel inszeniert wurde, nicht mehr genügend Sex Appeal. Obwohl die Prinzessin als Urbild der zerstörerischen Femme Fatale gilt, deren erotische Ausstrahlung ältlichen, willensschwachen, aber sexuell interessierten Männern Tod und Verderben bringt.

Monströser Vamp

In Oscar Wildes Drama entwickelt sich Salomé vom einst durch die Mutter instrumentalisierten Kind zum monströsen, selbstbestimmten Vamp. Gegen den Willen der Mutter tanzt Salomé für deren Gatten, den lüsternen Herodes, einzig besessen von dem Wunsch, den Mund des gefangenen Jokanaan – bekannter als Johannes der Täufer – zu küssen. Herodes lässt ihn auf ihren Wunsch enthaupten.

In allen Sprachen, deren die multikulturelle Truppe fähig ist, werden Textpassagen rezitiert. Englische, französische, polnische und deutsche Sprachfetzen durchdringen bruchstückhaft das eindrucksvolle Stück über Sprach- und Liebesverlust. Die vielsagenden Bilder, die hierbei vor den Augen des Publikums immer wieder neu gezaubert werden, sprechen Bände. Liebe geht über Leichen. Jokanaan muss sterben, weil er, ausschließlich in sein eigenes Spiegelbild verliebt, Salomé verschmäht. Stellvertretend für seinen Kopf muss eine Rosenblüte rollen, mit Beil energisch vom Stil getrennt. Ein Spieler kniet so geschickt hinter einem niederen Tischchen, dass es aussieht als ob nur sein Kopf darauf platziert wäre.

Eine rothaarige Salomé spielt in eiserner Kommunikationsverweigerung mit ihren Reizen, verzückt vom Körper des Objektes ihrer Begierde, um sich letztlich ausschließlich auf den Mund zu konzentrieren, den sie nicht küsst, sondern in den sie hineinbeißt, um den bittersüßen Geschmack des Blutes zu schmecken. Die Tragödie findet ihren Ausdruck im Sinnlich-Gestischen. Grotesktänze à la Valeska Gert, sowohl mit Personen als auch mit einer an langen Schnüren horizontal geführten Figur, machen den Verlust der Menschlichkeit immer deutlicher. Die peitschende Performance aus Tanztheater, Schau- und Figurenspiel ist dramaturgisch geschickt mit Musik unterlegt. Mal singen die Spieler mit bemerkenswert schönen Stimmen Choräle, um im nächsten Moment „You can ring my bell“ anzustimmen oder von „Moonlight Shadow“ zu schwärmen. Seifenblasen, kleine Federn und Rosenblätter schweben malerisch zu Boden und verleihen dem zerstörerischen Spiel etwas Poetisches. Es geht nicht nur um Entmenschlichung, sondern auch um Macht und Kontrollverlust. Wenn Salomé endlich für den alten Mann tanzt, stecken Kampf, Schmerz und innere Zerrissenheit in den getriebenen Bewegungen. Elektronisch verstärkte Gitarrenriffs machen den Schmerz in den Gehörgängen fühlbar. Die ganze „Salomé“-Produktion ist ein überaus lustvoller Crossover der Darstellungsmöglichkeiten des antik-biblischen Stoffs, der so phantasievoll vermittelt auch dann überzeugt, wenn man das Original nicht in- und auswendig kennt.