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Luftkissen im Obergeschoss

Welche Enttäuschung: "Endstation Echtzeit" im Theaterdiscounter
erschienen am 08.07.2009 in Berliner Zeitung
von Doris Meierhenrich

Nun muss von einer Enttäuschung die Rede sein. Davon, wie sich ambitionierte Off-Theatertruppen selbst ins Off kicken. Und das nicht, weil es etwa an Experimentierlust oder Spielfreude fehlte. Wie schön war es, in der jüngsten Stückankündigung des Theaterdiscounters von Spartenübergreifendem zu lesen, davon, dass Schauspiel, Figurentheater, Tanz und Musik zusammenfinden sollten. Nur wurde bei all dem Finden und Verbinden das Denken vergessen. So surrt im Obergeschoss des alten Fernmeldeamtes in der Klosterstraße, wo der Discounter seine neue Spielstätte betreibt, nun ein riesiges Luftkissen vor sich hin, gegenüber knallt eine Puppe gegen die Wand. „Endstation Echtzeit“ heißt die Versuchsanordnung, die sich als theatralische Zeit-Recherche versteht. Die Regisseurin Yvette Coetzee hat eigens die Formation „wonderful catastrophe“ dafür gegründet: Tänzer, Figurenspieler, Musiker und der Autor Thomas Melle.

Oberflächengymnastik

Hätten sie sich selbst nur mehr Zeit genommen, vielleicht wäre etwas mehr entstanden als nun bloße Oberflächengymnastik aus dem Geiste des Crashtests. Wer sonst müsste sich alle Zeit der Welt dafür nehmen, wenn nicht Truppen, deren In-der-Welt-sein auf einem einzigen Projekt beruht? Nun aber werfen sich sechs Performer, allen voran ein geschwindigkeitsberauschter Versicherungsangestellter und eine geschwindigkeitskranke Newsredakteurin, so unbedacht einspurig auf die platte Weltscheibe, die sie vertreten, dass sie genauso schnell wieder fortgeschleudert werden von ihr. Und als ob sie das schon ahnten, versuchen sie erst gar nicht, in substanziellere Zeit-Gedanken einzuhaken. Stattdessen rennen sie schweißtreibend, ziellos durch den weißen Raum, verschieben leere Wasserkisten und Pappkartons und zerlegen eine große Gliederpuppe, um sie gleich wieder zusammenzusetzen und im Simulationscrash gegen die Wand zu katapultieren. Eine Spielerin wirft sich dutzende Male hinterher und die beiden zeitkranken Hauptfiguren liefern kalauergesättigte Texte dazu.

Beide leiden an sogenannter Echtzeit, die sie suchen oder die sie längst heimgesucht hat, wer weiß. Die fehlende, kritische Begriffsschärfe ist überhaupt das größte Problem dieses Abends und das Wort „Echtzeit“ im Grunde großer Quatsch. Zeit ist niemals „echt“ oder „real“, da sie kein Sein hat außerhalb eines sie konstruierenden Bewusstseins. Populär gewendet meint es vielleicht so etwas, wie bewusst erlebte Zeit. Warum aber sollte die eine „Endstation“ sein? Dass Gegenwart immer zerrissen ist zwischen Nicht-mehr und Noch-nicht, ist so alt wie Methusalem oder zumindest wie Augustinus, der das vor 1 500 Jahren schon beschrieb – Zerrissenheit und Zusammenprall sind keine Erfindungen postmodernen Twittertums, wie das Spiel behauptet. Hat die Postmoderne mit ihren Beschleunigungstechniken und Arbeitsprozessverkürzungen nicht viel eher noch ein Problem mit herbeirationalisierten Überschüssen an Zeit? Im Theaterdiscounter surren nur die Luftkissen weiter.